anke laufer

wort – bild – storytelling

Die Zukunft des Schreibens III – Neue Horizonte

Zum ersten Teil dieser Artikelserie geht es hier

Zum zweiten Teil geht es hier.

Reales und Virtuelles

Alles wird sich verändern: Die Art, wie Bücher geschrieben werden, die äußere Form, die sie dabei annehmen, wie man sie entdeckt und über sie verhandelt, wie man sie vermarktet und verkauft und wie sie gelesen werden. Ja, schon, sagt man sich da als Autor, aber was heißt das nun für mich und meine Arbeit?

Am zweiten  Tag meines Besuchs bei der London Book Fair verirrte ich mich auf der Suche nach einem der Seminarräume in die oberen Gefilde des Earls Court Exhibition Centre. So kam es, dass ich ganz unbeabsichtigt in das weitläufige Labyrinth aus Tischen und Rollschränken vordrang,  welches sich dort ausbreitet: Das International Rights Centre, geprägt von einer Atmosphäre geheimnisumwitterter, gedämpfter Geschäftigkeit, erfüllt von einem Geruchsgemisch aus Kaffee, edlem Aftershave und einer leichten Chemienote, die wohl dem frisch verlegten, hellgrauen Teppichboden entströmte. Hier ist es also, sagte ich mir, wo die großen Autorennamen und die Bestseller von heute und morgen gehandelt werden.
P1040238 P1040240Eine gewisse Ehrfurcht vor dieser Institution, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte, kroch mir, wie ich zugeben muss, das Rückrat hinauf – wie gerne hätte ich da gelauscht am einen oder anderen Tisch, vielleicht unerwartet mitgemischt, dabei einem wichtigen Agenten oder internationalen Großverlag ein, zwei allgemein unterschätzte Lieblingsautoren ans Herz gelegt…

Dann kam mir wieder zu  Bewusstsein, dass auch dieser scheinbar so unentbehrliche internationale Handelsplatz der Büchermenschen bald der Vergangenheit angehören wird. An diesem Morgen hatte sich das Gespräch in dem kleinen, altmodischen Hotel, in dem ich neben einer ganzen Reihe von Messebesuchern aus aller Herren Länder wohnte, über die Frühstückstische hinweg nur um das eine gedreht:  Earls Court wird nur noch einmal die Londoner Buchmesse beherbergen, dann  wird das geschichtsträchtige, 1937 erbaute Veranstaltungszentrum abgerissen, um einem gigantischen Bauprojekt Platz zu machen – einem neuen Stadtviertel voller Luxusappartments.

Neben den Abrissbirnen machen Treffpunkten wie dem International Rights Centre aber auch virtuelle Handelsplätze wie pubmatch den Rang streitig.  Wie überall, so schwappt also auch hier das virtuelle Leben hinüber in das „reale“ . Man kann das beklagen – oder versuchen, aus den Veränderungen nicht nur das Beste zu machen, sondern völlig Neues zu schaffen.

Sollten Autoren dem Netzleben, das für viele von uns zum „Zweitleben“ geworden ist, nicht viel stärker Rechnung tragen? Wir können beiden Lebensräumen und ihren komplexen Wechselbeziehungen neue Geschichten abringen – Geschichten, die sich (nur um ein Beispiel zu nennen) um das Spiel mit unterschiedlichen Identitäten und Maskeraden drehen, welches uns das Netz eröffnet. Atemberaubende Möglichkeiten, wenn man bereit ist, sich darauf einzulassen.

Neue Inhalte

Neue Inhalte, die sich für unser Schreiben aus dem „Zweitleben im Netz“ ergeben, finden bisher erstaunlicherweise nur zögerlich den Weg in die Literatur. Da gibt es einige Emailromane, die sich in Struktur und Machart allerdings nur wenig vom traditionellen Briefroman unterscheiden. Texte, die eine durch das Netz veränderte Sprache und strukturelle Erzählweise aufnehmen und dabei Grenzen sprengen, gibt es dagegen bisher nur wenige. Erwähnenswert scheint mir die Short Story „Flying the Coop“ von Amy Marcott  ,die ihre Geschichte im Thread eines Online-Selbsthilfeforums für die Angehörigen Demenzkranker ansiedelt und durch die offene Struktur des Gesprächsforums eine eigenartige Wirkung erzielt: Während ein Erzählstrang durch regelmäßige Posts und Antworten forterzählt wird, werden andere Szenerien durch vereinzelte Posts sporadischer Besucher nur skizziert, daraus ergibt sich eine lose Verknüpfung, die der Vielfalt der Netzstimmen und der Zufälligkeit ihres Zusammentreffens Rechnung trägt.

Ein radikalerer Ansatz ist Iain Pears´ Arcadia, ein Roman, der für die digitale Veröffentlichung konzipiert und geschrieben wurde und zunächst im Herbst 2013 als Anwendung für mobile Endgeräte veröffentlicht wird, bevor er als Print- und E-bookausgabe im Frühjahr 2014 erscheint.  Der Roman wurde als „work in progress“ auf der LBF vorgestellt. Nach Pears´ Aussage ist Arcadia zuallerst eine Geschichte – jedoch eine, die nur auf Basis der Flexibilität funktioniert, die ein digitales Format bietet. Der vielschichtige Roman kann linear gelesen werden oder auch in Form von einzelnen Episoden, welche quer zur herkömmlichen Lesart verlaufen. Pears hofft, den Leser damit nicht nur zu verschiedenen (technischen) Arten des Lesens zu führen, sondern auch zu unterschiedlichen Einsichten, was die Beziehungen zwischen seinen Figuren angeht.

Das Buch wurde in enger Zusammenarbeit zwischen Verlag und Autor entwickelt. Pears äußerte dazu: “Glücklicherweise haben die Herausgeber bei Faber sofort begriffen, was ich zu tun beabsichtige und mir, anstatt das Projekt zurück in orthodoxere Veröffentlichungsformate zu zwingen, voller Enthusiasmus ihre Unterstützung angeboten.“  Dabei geht es, so der Verlag, nicht darum, etwas digital zu veröffentlichen, einfach weil man dazu die Möglichkeit hat. Henry Volans, Leiter des digitalen Geschäftsbereichs bei Faber, sagt dazu: “Es versetzt Iain in die Lage, Geschichten so zu erzählen, wie er es möchte. Mehr als alles, was wir zuvor zu Gesicht bekommen haben, ist Arcadia  ein von Grund auf digitaler Roman, die Art, wie er geschrieben und herausgegeben worden ist und wie er gelesen werden wird.“

Verlag und Autor haben hier einen wichtigen Punkt ins Zentrum gerückt: es geht nicht darum, in Zukunft jedes digitale Buch möglichst spektakulär zu bebildern, mit Videos und Musik anzureichern und damit das wichtige „Kopfkino“ des Lesers praktisch überflüssig zu machen. Es geht darum, für jeden Text und jedes Projekt das angemessene Medium (oder eine Medienkombination) zu finden.

Blick vom Earls Court über die Dächer von South Kensington.

Blick vom Earls Court über die Dächer von South Kensington.

Was also werden wir in Zukunft unter dem Begriff „Buch“ verstehen? Das gedruckte Buch wird wohl nicht aussterben, aber es wird weiter Marktanteile verlieren. Vielleicht werden sich aber auch die Druckerzeugnisse selbst viel stärker verändern, als wir es erwarten: So können beispielsweise die bewegten Bilder der Tageszeitungen aus den Harry-Potter-Verfilmungen bald Wirklichkeit werden. Neue Technologien ermöglichen es bereits jetzt, Bildschirme auf Papier zu drucken – allerdings noch zu recht hohen Kosten.

In einer älter werdenden Gesellschaft wie unserer wird sich aber das E-book vielleicht schon aus einem anderen,  recht banalen Grund durchsetzen:  E-Reader liefern augenfreundliche Schriftgrößen auf Knopfdruck. Ebenso spielt der unkomplizierte Zugang zu den Vertriebskanälen eine Rolle: Die neuen Bücher können ohne Wartezeit und Transportkosten sofort und überall und auf allen elektronischen Endgeräten gelesen werden – was nicht nur eine Frage der Bequemlichkeit, sondern auch eine Frage des freien Zugangs zu Literatur und Information überall auf der Welt ist.  Daher wird es auch nicht mehr so sehr von der Länge eines Textes abhängen, ob er veröffentlicht und gelesen wird – was neue Chancen für die vom Markt vernachlässigten Genres birgt. Experimentelles, Lyrik und Kurzprosa könnten, ganz unverhofft, neue Marktnischen finden – wenn man hier auch, so die Fachleute, keine Wunder erwarten darf, schon gar nicht für die nichtübersetzte deutschsprachige Literatur, die ja einen relativ kleinen Markt bedient.

Allerdings sollten wir als Autoren neben der technischen Machbarkeit und den Vermarktungs- und Vertriebsmöglichkeiten noch ganz andere Beweggründe haben, um uns anderen Medien als Träger unserer Texte zuzuwenden. Transmediale Projekte geben uns die Möglichkeit, Bücher in Kooperation mit Künstlerkollegen aller Disziplinen zu faszinierenden Gesamtkunstwerken werden zu lassen. Dabei zudem mit nichtlinearen und interaktiven Lesarten unserer Texte zu experimentieren: Das scheint mir doch eine echte und lohnende Herausforderung für die Zukunft zu sein.

Eric Huang (rechts) Leiter New Business & IP Aquisitions bei Penguin im Gespräch mit Charlie Redmayne von J.K. Rowlings´ "Pottermore" im Gespräch über das Thema: "Wann ist ein Buch kein Buch (mehr)?"

Eric Huang (rechts) Leiter New Business & IP Aquisitions bei Penguin im Gespräch mit Charlie Redmayne von J.K. Rowlings´ „Pottermore“  Das Thema: „Wann ist ein Buch kein Buch (mehr)?“

Identität und Marke

Sich aktiv mit dem sich verändernden Markt auseinandersetzen heißt jedoch nicht, jedem Trend hinterherzulaufen. Es heißt vielmehr, die eigenen Texte und Möglichkeiten zu kennen und damit: Die eigene Identität als Autor(in), die sich mittels eines Pseudonyms ja nicht erst seit gestern auch in mehrere splitten lässt.

Im Klartext: In der Wahrnehmung der Leser können wir und unsere Texte dieses oder jenes Gesamtbild vermitteln. Viele Autoren sind eher zögerlich, wenn es darum geht, aus sich selbst und ihren Produkten eine echte „Marke“ zu machen. Mir haben die Autorenseminare der London Book Fair eine unbequeme Wahrheit vermittelt: Dass es andere übernehmen werden, unsere Produkte zu etikettieren, wenn wir es nicht selbst tun. Die Frage ist (sehr pragmatisch gedacht) eben nicht, ob man sich als Autor/in  in eine Schublade stecken lassen will, sondern inwieweit man fähig ist, sich durch kluges Marketing  die Kategorie aussuchen zu können, in der man sich einigermaßen wohlfühlt. Solch eine „Marke“ zu schaffen hat weniger mit der Zuordnung zu einem literarischen Genre oder der Vorspiegelung falscher Tatsachen zu tun als vielmehr mit Authentizität und Stimmigkeit  – einer Präsentation des Autors und seiner Texte, die den Leser überzeugt.

Es gibt die Tendenz , dass Verlage zunehmend nach Autoren Ausschau halten, die sich in Sachen Präsentation durch eine gewisse Professionalität auszeichnen, ganz einfach weil man erwartet, dass diese sich an der Vermarktung ihrer Bücher stärker als bisher aktiv beteiligen. Natürlich wird nicht jeder über Nacht zum Vollblutentertainer – was wahrscheinlich auch gar nicht notwendig ist. Vielmehr gilt es, eine klare Selbstdarstellung zu üben, wie sie bisher – seien wir einmal ehrlich – von der Mehrzahl der Autoren nur bei seltenen Gelegenheiten eingefordert wurde. Mir fällt zuallererst das lange Brüten über einem Exposé ein, das mit wenigen Worten erfassen sollte, was uns im Manuskript zuvor (mit viel Mühe) auf vierhundertvierundfünfzig Seiten gelang. Das wird nicht leicht, keine Frage.

Aber ganz egal, ob ein Autor den traditionellen Weg über Agenturen und Verlage beschreitet oder sich auf das Abenteuer Selfpublishing einlässt: Es wird ihm dabei besser ergehen, wenn er sich über die eigenen Inhalte und Ziele im Klaren ist, wenn er weiß, welche Art von Texten er welcher Zielgruppe anbietet und wenn er dieses Bewusstsein auch nach außen hin vermittelt – über seine Website, die sozialen Netzwerke, bei seinen Kontakten zu Verlagen und Agenturen und bei Lesungen und anderen öffentlichen Veranstaltungen.

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