außer.dem ein Hund

Meine Story „Der Hund“ erscheint in Kürze im Literaturmagazin außer.dem

„die münchner literaturzeitschrift außer.dem ist an zeitgenössischen modernen texten interessiert, die über die üblichen klassischen muster hinausreichen und an markanten stellen das gängige schema von lyrik und prosa verlassen. außer.dem veröffentlicht auch texte, die sich außerhalb des eingeführten literaturbetriebes sehen; texte, die der üblichen lyrik und prosa überraschende und innovative textalternativen gegenüberstellen.“

Aus bekannten Gründen wird das Heft dieses Mal nicht live, sondern im Rahmen einer Radiosendung präsentiert – auch ein von mir eingelesener Ausschnitt meines Textes wird zu hören sein. Demnächst wird es zudem eine spannende Präsentation der (Video-) Autorenlesungen auf YouTube geben.

FROHLOCKDOWN – Präsentation der Ausgabe von außer.dem 27 – Heftpräsentation ON AIR bei Radio Lora
Freitag, 27. November, 20 Uhr.

Hier geht’s zum LIVESTREAM

 

Der Hund (Auszug)

Hatte eingekauft, heut früh, wollt danach zum Strand, konnte dann nicht. War´s gewohnt, dem Hund zuzusehen. Steine, überall kollernde Steine, die haben dem Hund Spaß gemacht, er hetzte los, suchte einen aus, brachte ihn im Maul, warf ihn mir vor die Füße, guckte so, hechelte, brachte mich zum Lachen, guckte dann immer wie Damian. Der wollte auch immer getätschelt werden, der Streuner, auch wenn der irgendwann gar nix mehr mitbrachte, keine Walfischknochen, nicht mal Steine.

Bin dann also zum Palace Pier, stattdessen, ging so rum, zwischen den Imbissbuden und Fahrgeschäften, guckte den Leuten zu, weiß, kaffeebraun, schwarz, Eltern und Kinder, schwule Pärchen, Teenager, die knutschen. Brighton ist so, im Sommer, überall flattrige junge Dinger, frisch aus dem Kokon, Sprachstudentinnen, sowasalles, überallher, bloß weil sie in ein Loch gefallen sind, glauben die, sie sind in der Wunderwelt. Aber es ist die Stadt, die alte Schlampe, merkst nicht, dass du schon in ihrem Schlund steckst und verschluckt wirst, spurlos, einfach weg.

Lange her, das Lagerhaus, der Hafen, die Möwen und Damian, lange her. Die Holzstiege, weiter, immer weiter ging´s rauf, außer Atem, bis in den Himmel, oben der Dachboden, der Gasofen, fauchte die ganze Nacht, das Ungeheuer. Und Haufen, Türme aus Gerümpel, Damians Kram, er verkaufte manchmal was, wenn wir Geld brauchten. Hörten das Krallenscharren, Poltern, wenn die Hafenratten nachts rumkletterten, riesige Biester waren das, hat uns aber nix ausgemacht, haben uns nur fester umarmt, so war das.“

 

außer.dem Nr. 27 erscheint Anfang Dezember mit einer handverlesenen Auswahl an einzigartigen, innovativen und unerwarteten Texten ///

Jetzt VORBESTELLEN und außer.dem 27 ist Anfang Dezember druckfrisch in Ihrer Post.

„Entflogen“ zu den Bieler Gesprächen 2021

Die Bieler Gespräche sind eine literarische Veranstaltung, die immer zum Jahresbeginn stattfindet und bei der sich im Literaturinstitut Biel Schreibende aus den verschiedenen Sprachregionen der Schweiz und den angrenzenden Ländern treffen, um in einer Reihe von Ateliers über Texte und Übersetzungen zu diskutieren.

Meine Texte „Entflogen“ und „Nicht-Paul“ wurden in diesem Jahr für die Diskussion in den Ateliers ausgewählt. Ich freue mich sehr über die Einladung und auf die spannende Zusammenarbeit mit den anwesenden AutorInnen und ÜbersetzerInnen.

Hier ein Auszug aus „Entflogen“:

Es ließ sich nicht aufhalten, Samsa hätte es wohl gar nicht erst versucht.

Das Frösteln begann sich in Stiften zu manifestieren, Follikeln, welche die oberste Schicht durchdrangen, durch Sommersprossen und Hautfalten stießen.

Aus den Blutkielen schoben sich Schäfte, brachen auf und entfalteten beiderseitige Fahnen, Äste, schimmernde Bogen- und Hakenstrahlen.

(…)

Wo auch immer du bist, du hörst es,

das störrische Kratzen des Kiels auf Papier, das Schnabelwetzen, das stetige Nachschieben aus dem Fleisch.

So schreibe ich mich, schreibe ich dich, fliege und schreibe die Welt

stoße sie in den Abgrund und mache sie neu. 

a.l., 2012

Kurse zweites Halbjahr 2020 und Januar 2021 an der dekart Reutlingen

Die folgende Kurse können Sie HIER buchen.

Kreatives Schreiben für Künstler und Gestalter

Dr. Anke Laufer

Zunehmend rücken kreative Schreibaufgaben in den Fokus der Aufnahmeprüfungen an den künstlerischen und gestalterischen Hochschulen – wer ein „kreativer Kopf“ ist, erzeugt eben nicht nur ansprechende Bilder, sondern kann sich gedanklich mit Themen und Konzepten auseinandersetzen, Geschichten über die Welt erzählen und  sogar ganz neue Welten erfinden. Das freie Spiel mit Worten und Verfassen von Texten ist damit nicht allein eine Vorstufe der souveränen Präsentation der eigenen Werke nach außen (gegenüber Prüfungsgremien, Jurys oder der breiten Öffentlichkeit): Wer das kreative Schreiben trainiert, schärft systematisch die eigene Wahrnehmung und zapft bisher verborgene künstlerische Quellen an.
7 Abende, 04.11.2020 – 16.12.2020
Mittwoch, wöchentlich, 17:00 – 19:00 Uhr
vhsrt-Atelier, HM, Gustav-Werner-Straße 25, 72764 Reutlingen, Raum: 102,
1. OG

♿ barrierefreier Zugang

dekart: 159,30 €(Schüler*innen/Studierende 79,65 €)

Die Bewerbung für kreative Studiengänge: Selbstbild, Selbstdarstellung und Marketing in eigener Sache

Livia Scholz-Breznay & Dr. Anke Laufer

Spätestens in Motivationsschreiben und bei Gesprächen im Rahmen von Eingangsprüfungen wird großer Wert darauf gelegt, dass der Bewerber seine Begeisterung für den gewählten Studiengang klar und überzeugend formulieren kann. Im gestalterischen Umfeld kommt hinzu, dass man sich als kreative Persönlichkeit „verkaufen“ muss. Auch sollte man vermitteln, dass man fest entschlossen ist, diesen Berufsweg einzuschlagen – trotz der Unwägbarkeiten, die sich jungen Künstlern entgegenstellen. Wir arbeiten daran, sich über die eigene Ausgangssituation und Motivation klar zu werden und damit eine klare und positive Selbstdarstellung zu erreichen: Verbal, schriftlich und gestalterisch.
4 Tage, 24.11.2020 – 27.11.2020
Dienstag, 24.11.2020, 09:00 – 12:15 Uhr
Mittwoch, 25.11.2020, 09:00 – 12:15 Uhr
Donnerstag, 26.11.2020, 09:00 – 12:15 Uhr
Freitag, 27.11.2020, 09:00 – 12:15 Uhr
vhsrt-Atelier, HM, Gustav-Werner-Straße 25, 72764 Reutlingen, Raum: 102,
1. OG

♿ barrierefreier Zugang

dekart: 356,70 €(Schüler*innen/Studierende 178,35 €)

Das Text- und Illustrationslabor  – auch zur Mappenvorbereitung

Livia Scholz Breznay und Dr. Anke Laufer

In diesem Kurs wechseln wir immer wieder zwischen Wort und Bild und lernen dabei, die eigenen Vorstellungen sowohl gestalterisch als auch schriftlich überzeugend zu vermitteln. Nach Übungen aus dem kreativen Schreiben entstehen eigene Texte, die anschließend illustriert werden. Wir setzen typografisch um, was zunächst als Bild gedacht war und er(finden) Geschichten, die bereits in unseren Bildern stecken. Außerdem: Um was geht es eigentlich beim sogenannten Storytelling? Was ist ein Storyboard und wie setzt man es um?
Der Kurs bietet darüber hinaus Einblicke in die Vielfalt der Gestaltungsmöglichkeiten im Bereich Illustration, Bildgeschichten, Comics und Graphic Novels.
5 Tage, 18.01.2021 – 22.01.2021
Montag, 18.01.2021, 09:00 – 12:15 Uhr
Dienstag, 19.01.2021, 09:00 – 12:15 Uhr
Mittwoch, 20.01.2021, 09:00 – 12:15 Uhr
Donnerstag, 21.01.2021, 09:00 – 12:15 Uhr
Freitag, 22.01.2021, 09:00 – 12:15 Uhr
vhsrt-Atelier, HM, Gustav-Werner-Straße 25, 72764 Reutlingen, Raum: 102,
1. OG ♿ barrierefreier Zugang

dekart: 356,70 €(Schüler*innen/Studierende 178,35 €)

Komm schon, beiß zu

Meine Story „Komm schon, beiß zu“ erscheint im März 2021 im Heft 80 der traditionsreichen Literaturzeitschrift „Am Erker“.

Am Erker, gegründet 1977 von Joachim Feldmann und Michael Kofort, erscheint zweimal jährlich (Frühjahr & Herbst). Die Zeitschrift wurde vom Deutschen Literaturfonds gefördert und 1998 mit dem Hermann-Hesse-Preis für Literaturzeitschriften ausgezeichnet.

Hier eine Kostprobe aus meinem Text:

Es riecht regenfeucht, dein Zimmer, nach gebrauchten Laken und Zeit, blätternde Schichten aus Sonne und Mond. Mein Haar ist ein Schlangennest auf dem Kissen. Dein kupferfarbener Körper neben mir, die Flanke, die sich hebt und senkt, Ausdünstungen wie von Torf und Moor.

Im Morgengrauen sehe ich zu, wie das erste Licht im seidigen Flaum deiner Brust versickert. Deine Glieder liegen lang und weit gereckt, bedecken mich, dein Schwanz ruht schlaff auf der Innenseite meines nackten Schenkels. Aber ich spüre zugleich, dass du unter der Haut hellwach bist, deine Sehnen hart als wären sie auf einen Bogen gespannt, sprungbereit.

„The newest normal“ in neolith #5

Meine Story „The newest normal“ erscheint demnächst in neolith, der Jahresschrift für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal. Aufruf: Beiträge für neolith #5

Der dreizehnjährige Bo durchstreift das unterirdische Labyrinth menschlicher Behausungen der Zukunft, immer auf der Suche nach Verwertbarem. Er stößt auf einen uralten Kassettenrekorder, den er mit Hilfe seiner greisen Nachbarin Vera zum Laufen bringt. Während die beiden die im Gerät verbliebene Kassette abspielen öffnen sich in der Geschichte eine zweite und dritte Zeitebene: Auf der Bandaufnahme mischen sich die Sprachnachrichten einer jungen Frau an ihren verschollenen Geliebten Ben und die Wiedergabe einer weitaus älteren Audiodatei, auf der die flammende Rede eines Endzeitpropheten zu hören ist.

Vera öffnet die Augen und drückt auf die Pausentaste. Bo kann sehen, dass ihr das zu schaffen macht. Ihm auch.

„Dieser Ben – “

Sie nickt. „Der war wohl drüben auf den Inseln.“

„Sollen wir echt weiter zuhören?“, fragt er. Sie nickt, betätigt die Taste und starrt auf den Rekorder.

„Erinnerst du dich an diesen Endzeittypen auf dem Pier? Wie der herumzappelte und die Faust in den Himmel stieß? Die Leute grinsten und manche tippten sich an die Stirn. Aber du nicht, Ben, du hast ihm zugehört.“

Die Krähe macht jetzt wieder Lärm und das Mädchen wartet, bis der Vogel sich beruhigt.

„Ich hab in der ganzen Zeit immer wieder an ihn denken müssen. Und daran, was du damals gesagt hast. Dass man Warnungen ernst nehmen soll, auch wenn sie einem verrückt vorkommen. Dass das wichtig sei, was der Kerl sagt, womöglich, und dass wir das aufzeichnen sollten. Jedenfalls: Hier ist er, ich hab die Audiodatei gefunden, ich spiel sie dir vor.“  Ein Knacken. Sturmrauschen, mittendrin Gebrüll –

„…da wird der vierte Engel seine Schale über die Sonne ausgießen…“  Die Krähe übertönt die Aufnahme einen Moment lang mit ihrem Gekrächze. „…und die Menschen werden versengt von der großen Hitze…“  Man hört jetzt, wie der Mann eine Menge Rotz die Nase hochzieht und das Ganze ausspuckt.

Vera verzieht das Gesicht.

Auf einmal vermischt sich alles und sie sind alle zur gleichen Zeit in Veras Abteil: Das Mädchen und ihr Freund Ben, der Verrückte, die Krähe, Vera und er selbst.“

 

Das Thema der Ausschreibung 2020 lautete „Fortschritt“.  Eingeladen wurde zur Auseinandersetzung mit Zukunftsentwürfen – eine Hommage an Friedrich Engels, dessen 200. Geburtstag Wuppertal in diesem Jahr feiert.

 

 

Online – Rundgang an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart

Seit Jahren betreue ich mit meinen Kolleg*Innen  an der Design + Kunst Akademie Reutlingen junge Erwachsene, die sich für ein Kunst- Design- oder Architekturstudium bewerben – unter anderem an der Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart. Wie herausfordernd und spannend dieser Bewerbungsprozess ist, wie fieberhaft gearbeitet wird, wie überwältigend die Glücksgefühle derjenigen sind, die dort angenommen werden, erlebe ich dabei in jedem Jahr neu.

Ist die Mappe mit künstlerischen Arbeiten für gut befunden und sind dann auch noch praktische und mündliche Prüfung bestanden, dann  – ja dann öffnet sich den jungen Studierenden eine ganz neue Welt künstlerischer Erfahrungen. Einblicke in diese Welt gibt alljährlich der sogenannte Rundgang, auf dem die Studierenden ihre Arbeiten präsentieren – normalerweise in den vielen Ateliers der Akademie – in diesem Jahr erstmals Online.

Was es für die jungen Künstler*Innen und Gestalter*Innen bedeutet hat, während des Lockdowns nicht in ihren Ateliers arbeiten zu dürfen und ihre Professor*Innen und Kommiliton*Innen nur online zu treffen – das können wir nur erahnen. Trotzdem wurde auch in diesem Jahr fieberhaft gearbeitet und Großartiges geschaffen. Deshalb:

Gehen Sie auf eine Reise durch junge Kunst. Besuchen Sie den Rundgang der ABK 2020.

https://rundgang.abk.live

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Weitere Neuveröffentlichungen/Lesung

Meine Story „Der Hund“ erscheint im Herbst im Literaturmagazin außer.dem

„die münchner literaturzeitschrift außer.dem ist an zeitgenössischen modernen texten interessiert, die über die üblichen klassischen muster hinausreichen und an markanten stellen das gängige schema von lyrik und prosa verlassen. außer.dem veröffentlicht auch texte, die sich außerhalb des eingeführten literaturbetriebes sehen; texte, die der üblichen lyrik und prosa überraschende und innovative textalternativen gegenüberstellen.“

Der Hund (Auszug)

Hatte eingekauft, heut früh, wollt danach zum Strand, konnte dann nicht. War´s gewohnt, dem Hund zuzusehen. Steine, überall kollernde Steine, die haben dem Hund Spaß gemacht, er hetzte los, suchte einen aus, brachte ihn im Maul, warf ihn mir vor die Füße, guckte so, hechelte, brachte mich zum Lachen, guckte dann immer wie Damian. Der wollte auch immer getätschelt werden, der Streuner, auch wenn der irgendwann gar nix mehr mitbrachte, keine Walfischknochen, nicht mal Steine.

Bin dann also zum Palace Pier, stattdessen, ging so rum, zwischen den Imbissbuden und Fahrgeschäften, guckte den Leuten zu, weiß, kaffeebraun, schwarz, Eltern und Kinder, schwule Pärchen, Teenager, die knutschen. Brighton ist so, im Sommer, überall flattrige junge Dinger, frisch aus dem Kokon, Sprachstudentinnen, sowasalles, überallher, bloß weil sie in ein Loch gefallen sind, glauben die, sie sind in der Wunderwelt. Aber es ist die Stadt, die alte Schlampe, merkst nicht, dass du schon in ihrem Schlund steckst und verschluckt wirst, spurlos, einfach weg.

Lange her, das Lagerhaus, der Hafen, die Möwen und Damian, lange her. Die Holzstiege, weiter, immer weiter ging´s rauf, außer Atem, bis in den Himmel, oben der Dachboden, der Gasofen, fauchte die ganze Nacht, das Ungeheuer. Und Haufen, Türme aus Gerümpel, Damians Kram, er verkaufte manchmal was, wenn wir Geld brauchten. Hörten das Krallenscharren, Poltern, wenn die Hafenratten nachts rumkletterten, riesige Biester waren das, hat uns aber nix ausgemacht, haben uns nur fester umarmt, so war das.

Meine Story „Der Waldrapp“ erscheint demnächst in der neuen Berliner Literaturzeitschrift GYM  – http://gym-magazin.de/erste-ausgabe

Das Konzept von Gym: Texte, die zu viel Gewicht draufpacken und unaufgewärmt reißen. Erzählungen, die die Wirklichkeit anheben, um zu sehen, was dahinter liegt, sie verbiegen, erweitern. Lyrik, die will, dass man hinter ihrem Rücken über sie spricht. Figuren, die im Maschinenraum des Luxusliners Literatur schwere Hebel in Bewegung setzen.

Der Waldrapp (Auszug) https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/3/35/Waldrapp_01.jpg

„Ich würd´ ja gern fortgehen. Aber ich kann einfach nicht, weißt du.“

„Leute machen sowas jeden Tag.“

„Bleibst du denn noch lang?“ Sie deutet zum Block hinüber.

„Wieso?“

„Die da drüben bleiben nie lang. Ist so.“

„Ich gehe erst, wenn ich fertig bin.“

„Mit was musst du denn fertig werden?“

Da erzähle ich ihr von Elena, obwohl ich das gar nicht beabsichtigt habe. Am Ende berichte ich ihr sogar von meiner Arbeit, den Ergebnissen der Berechnungen und von meinen Schlussfolgerungen. Ich rede eine Menge und sie hört einfach zu. „Noch ein paar Jahre, dann ist alles aus dem Ruder gelaufen. Und niemand unternimmt ernsthaft etwas dagegen. Das macht mich fertig, ehrlich.“

„Kein Wunder“, sagt sie und schenkt mir noch einen Schnaps ein. Ich stürze ihn hinunter.

„Ich hab einen Waldrapp aus deiner Scheune kommen sehen. Neulich Nacht, im Traum.“ Ich beschreibe ihr das fettigschwarze Gefieder mit dem grünen Schmeißfliegenschillern, den faltigen roten Schädel, die langen Schopffedern, den Stocherschnabel.

Maries großer Kopf lehnt am Treppengeländer. Erst denke ich, sie sei eingeschlafen, aber dann sagt sie:

„Du hast den Nachtkrab gesehen. Das war der Nachtkrab.“

„Nein, Waldrapp, nicht Nachtkrab.“

Sie schüttelt den Kopf als versuche sie, einen lästigen Gedanken loszuwerden.

„Du bist nicht brav gewesen.“

„Brav?“

„Er kommt uns holen, wenn wir nicht tun, was man uns sagt.“

„Wer?“

„Du warst wieder nicht brav, hat sie gesagt, jetzt kommt er dich holen, hat sie gesagt und den Riegel vom Kohlenkeller zugeschoben. Im Finstern drin, auf einmal, da hab ich ihn gesehen, wie er sich über mich beugt. Schnipp, schnapp, so hat der gemacht mit seinem Schnabel. Wie mit einer langen Schere.“

Sie verstummt und dreht das Gesicht weg. Ich sage nichts, mir fällt nichts ein.

Nach einer Weile lege ich ihr vorsichtig den Arm um die Schultern.

Es wird schon hell. In einem der Apfelbäume beginnt eine Amsel zu singen.

Zur Lesung dieses Textes bin ich am 8.10.2020 auf die „Lesebühne Text Genuß & Schnaps“  in Hannover  eingeladen. Die Lesebühne Text Genuß & Schnaps + Vorträge wurde im Herbst 2018 von Jan Fischer und Gila Hofmann gegründet, für alle, die jenseits von Poetry Slam und Wasserglaslesungen für etablierte Autor*innen eine Bühne für Literatur vermissen.

„Literatur jenseits der Duldungsstarre, Vorträge jenseits muffiger Vorlesungen, Räusche auf unerforschtem Gebiet.“

Zur Lesebühne geht es HIER

Endlich schreiben: Die schönsten Reisen finden im Kopf statt

Eine Online-Schreibwerkstatt

Viele wünschen sich in dieser Zeit einen kreativen Zufluchtsort. Zugleich vermissen wir – in der Sommerzeit besonders – das Reisen.

In diesem Kurs machen wir uns auf zu einer Reise in die eigene Vorstellungskraft. Nichts ist abenteuerlicher, tiefer und farbiger, denn hier werden Traumziele und erträumte Orte lebendig – und die eigenen vier Wände zugleich zum aufregenden Neuland. Innovative Impulse zur Themen wie Ort und Atmosphäre sowie Methoden aus der
Kreativitätsforschung helfen der Fantasie auf die Sprünge und dienen als Auslöser für Notate, Skizzen, Kurzgeschichten und Konzepte für längere Erzählformen. Die gegenseitige Unterstützung ermutigt zum Durchhalten und Experimentieren. Handwerkliche Grundlagen werden anhand konkreter Beispiele aus entstandenen Texten vermittelt und nach Bedarf vertieft.

Die Werkstatt wird über Zoom durchgeführt. Ein Laptop mit Kamera und Mikro oder ein Smartphone/Tablet ist zur Teilnahme nötig. Wer Zoom noch nicht kennt: Es ähnelt einer Skype-Sitzung, alle Teilnehmer der Werkstatt können sich gegenseitig sehen und hören. Ich selbst habe seit März 2020 zahlreiche Kurse und Ateliersitzungen über Zoom geleitet, die Handhabung der Technik ist meiner Erfahrung nach unproblematisch und die Umgewöhnung mühelos. Nähere Informationen zur technischen Durchführung erhalten Sie nach der Kursanmeldung.

Termine: 4 Abende, 08.07.2020 – 29.07.2020

Zoom

Mittwoch, wöchentlich, 19:00 – 21:00 Uhr

Kursgebühr: 56,90 €

Anmeldung unter: https://www.vhsrt.de/Veranstaltung/cmx5ea3445749248.html

 

Open-Air-Kurs:  Sommerfrisch schwerelos Schreiben
Schreiben mit allen Sinnen

Flanieren, beobachten, hören, riechen, schmecken: Eine Einführung in das „Schreiben mit allen Sinnen“ und gezielte Wahrnehmungsübungen sind der Ausgangspunkt für diesen ungewöhnlichen Workshop. Unter freiem Himmel lassen wir uns zu intensiven Notaten, Szenen und Geschichten inspirieren. Ziel ist es, konkret, bildhaft und „hautnah“ zu beschreiben, aber auch schwer Fassbares greifbar zu machen. Eine Vorlese- und Austauschrunde wird unsere Fantasie weiter beflügeln.

Bitte mitbringen: dem Wetter angepasste Kleidung, Schreibmaterial evtl. Unterlage. Wir trotzen mit unserer Schreiblust auch möglichen Regenschauern.

1 Nachmittag, 11.07.2020
Samstag, 14:00 – 17:45 Uhr

Treffpunkt in Reutlingen, Haus der Volkshochschule

Kursgebühr: 33,00 €

Anmeldung unter: https://www.vhsrt.de/Veranstaltung/cmx5ea40ce226976.html

Sprachnachrichten an die Schwäne

Hälfte des Lebens

Mit gelben Birnen hänget
Und voll mit wilden Rosen
Das Land in den See,
Ihr holden Schwäne,
Und trunken von Küssen
Tunkt ihr das Haupt
Ins heilignüchterne Wasser.

Weh mir, wo nehm’ ich, wenn
Es Winter ist, die Blumen, und wo
Den Sonnenschein,
Und Schatten der Erde?
Die Mauern stehn
Sprachlos und kalt, im Winde
Klirren die Fahnen.

Friedrich Hölderlin

Mein Text „Sprachnachrichten“ wurde in die Anthologie zu Ehren des 250. Geburtstages von Friedrich Hölderlin aufgenommen. Hölderlins Gedicht „Hälfte des Lebens“ sollte als Anhaltspunkt für das Schreiben dienen. Die Anthologie ist das Resultat einer Ausschreibung des Schriftstellerhauses  Stuttgart, ausgewählt wurden die Texte von Astrid Braun und Moritz Heger. Das Buch wird im September 2020 unter dem Titel „An die Schwäne“ erscheinen.

Eine gekürzte Version meines Textes wird zudem im Rahmen der 57. Ausgabe des Literaturmagazins Dichtungsring zu lesen sein. Dichtungsring Heft 57

Hier stand die Auschreibung unter dem Motto eines Beethoven-Zitats:

Ach – Es gibt Momente, wo ich finde daß die Sprache noch gar nichts ist“ (Ludwig van Beethoven: „An die unsterbliche Geliebte“, 1812)

„Sprachnachrichten“ erzählt in poetischen Bildern von einem Familienurlaub, zugleich aber auch von Ohnmachts- und Endzeitgefühlen der Hauptfigur, einer Naturwissenschaftlerin:

In diesem Augenblick, im tiefen, kalten Wasser, sah sie ihre eigene Sterblichkeit, die sie umkreiste wie ein großer Fisch, sah auf einmal all die anderen Leben, die sie hätte leben können, silbrig aufscheinend wie die tausend Leiber eines Heringsschwarms, der eine Wendung vollzieht. Sie dachte an die Unsterblichkeit der Quallen, die neben und unter ihr schwammen. Und an das Artensterben, das die Welt mit Endgültigkeit tränkte, immer neue Breschen schlug, die Leere zwischen den Lebewesen vergrößerte, allem anderen Bedeutung und Zukunft nahm. Es gab keine Worte für das, was sie empfand, und doch war sie sich sicher, dass man für dieses Etwas, das sie jetzt vor sich sah, dieses große, grausame, ungeheuerliche Etwas, eine eigene Sprache finden musste.

File:FK Hiemer - Friedrich Hölderlin (Pastell 1792).jpg

Schreiben macht reich!

Ja, das hätten Sie nicht erwartet, oder? Dennoch: Jeder, der selbst schreibt, wird diese Aussage unterschreiben.

Schreiben macht glücklich.

Schreiben macht reich.

Sorry, ich rede nicht von Geld. Es kommt schon auch auf die eigene Weltsicht an.

Ok, ich weiß, jetzt sind Sie enttäuscht.

Aber bevor Sie sich jetzt wegklicken:

Schreiben ist reichhaltige Lebenszeit, glauben Sie mir. Als Schriftstellerin mäste ich mich schamlos an den Erfahrungen meiner Figuren, an der Atmosphäre der von mir erschaffenen Orte, an der Entfesselung von Fantasie und verrückten Einfällen. Blicke ich zurück, sehe ich bereichernde Erfahrungen: Meisterkurse mit Ilija Trojanow und Burkhard Spinnen, ein Drehbuchcamp mit den Hollywood-Drehbuchdoktoren Keith Cunningham und Tom Schlesinger und natürlich die Stipendien für Schreibaufenthalte in Bogotá, Kolumbien und auf Hawthornden Castle in Schottland. Ganz zu schweigen von den vielen menschlichen Begegnungen auf diesem Weg.

Ja. Schreiben macht das eigene Leben vielschichtig und bunt, süß und sättigend.

Ich selbst habe kommerziell gesehen eher die magere Kost gewählt: Kurzgeschichten und Erzählungen. Nein, ich werde es wohl nie dazu bringen, mit schöner Regelmäßigkeit backsteindicke Manuskripte abzuliefern. Und bevor Sie fragen: Ich hadere nicht mehr damit.

Zugegeben: Früher schon ein wenig. Ich habe sehr lange gebraucht um herauszufinden, dass es genau das ist, was ich schreiben will. In den Erzählsträngen von Romanmanuskripten verheddere ich mich. Romane recken ihre Krakenarme in alle Winkel des Lebens, sind launisch und unbeherrschbar. Romane enthalten Figuren, mit denen ich keine Langzeitbeziehung wünsche.K1024_P1100383 (2)

Erzählungen und Short Stories sind wie Fenster, die man weit aufstößt und hinter denen ein fest umrissener Ausschnitt einer ganz eigenen Welt liegt. Schreibe ich an einer Geschichte bilde ich genau diesen Ausblick ab, arrangiere Figuren und Schauplätze, Atmosphäre und Spannung an meinem Schreibtisch mit Blick aus diesem fiktionalen Fenster. Dann, wenige Seiten später, räume ich den Tisch ab und decke ihn neu, stoße ein neues Fenster auf und experimentiere mit neuen Werkzeugen: einer anderen Sprachebene, neuen Perspektiven und Stilmitteln. Kurze Texte verzeihen keine falsch gesetzten Wörter und Sätze. Deshalb investiert man in sie – so mag es scheinen – unverhältnismäßig viel Zeit und Sorgfalt. In vieler Hinsicht fühle ich mich in meiner Wortklaubberei und pingeligen Langsamkeit den Lyrikern sehr viel näher als den Romanschreibern.

Nein, ich werde nie backsteindicke Manuskripte abliefern.

Zudem treibe ich mich seit jeher auf anderen, heiß geliebten Arbeitsfeldern herum.

Die Wissenschaft brachte mir bei, methodisch vorzugehen und genau hinzusehen – sie bewahrt mich noch heute vor vorschnellen Schlüssen.

Ausflüge in Redaktion und Journalismus sind das zweifache Heilmittel gegen Neugier und Schüchternheit: Ich kann spannenden Stories nachgehen und habe einen Vorwand, um jedem auf die Nerven zu gehen, der mich interessiert – ist das nicht fantastisch?

Als Ghostwriter und Bewerbungsberaterin schlüpfe ich in die Haut meiner Kund*Innen (wie ich das sonst mit meinen Figuren zu tun pflege) und stelle mich in den Dienst ihrer Bedürfnisse, Hoffnungen und Pläne.

Als Dozentin für kreatives und berufliches Schreiben helfe ich meinen Teilnehmer*innen dabei, das Abenteuer Schreiben ganz neu zu entdecken und im Vorstudium der DEKART unterstütze ich angehende Kunst- und Designstudent*innen dabei, ihrer ureigenen Vision und künstlerischen Stimme auf die Spur zu kommen. Und mal ganz ehrlich: was macht reicher und glücklicher als Reichtum und Glück weiterzugeben?