»Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«

Meine Short Story „Emma und Eve“ ist soeben in der Preisträgeranthologie der Akademie für gesprochenes Wort und des Deutschen PEN-Zentrums erschienen. Am Sonntag, dem 26.9.2021 um 16 Uhr wird es einen Festakt anlässlich der Preisverleihung im Kammermusiksaal der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, Stuttgart, geben.

Wir treffen uns am Mittwochmorgen um halb neun vor der Aufzugtür. Eve sieht in ihren Ausgehsachen sehr elegant aus und reckt den faltigen Hals wie eine Riesenschildkröte. In der Tiefgarage halte ich ihr die Stahltür auf. Es riecht ein wenig nach Abgasen und Pisse, aber es ist angenehm kühl. Sie zögert einen Moment beim Anblick meiner alten Vespa, aber dann lässt sie sich dabei helfen, meinen Zweithelm aufzusetzen.

Fertig?, frage ich, als sie es sich hinter mir bequem gemacht hat.

Jawohl, sagt sie.

Ein paar Minuten später sind wir auf der Uferstraße Richtung Stadtmitte unterwegs. Der Fahrtwind riecht nach Flusswasser und frisch gemähtem Gras. Über uns flimmert und flirrt die Sonne durch die Kronen der Rosskastanien, die in voller Blüte stehen – rosa Kerzen, die im blauen Himmel brennen. 

Hey, wollen wir in dem Schneckentempo weiterfahren?, schreit Eve in mein Ohr.

Also gebe ich Gas.

Ich denke an einen See voller goldener Quallen und silberner Münzen und an Mädchen, die von Flüchen erlöst werden müssen. Ich weiß auf einmal, was ich Josh sagen muss – unbedingt heute noch sagen muss –

Ja, verdammt. Das werde ich.

Aus dem Klappentext:

20 literarische Stimmen zu unserer aktuellen Gefahr. Und darüber, ob Hölderlin denn recht hat.
Die Welt durchlebt gerade die größte Krise seit dem Zweiten Weltkrieg. Die Pandemie bedroht jede und jeden, immer und überall. Und überall wächst das Verlangen nach Rettung, nach medizinischen Lösungen, nach wirtschaftlichen Hilfen, nach Freiheit, Trost und Zuversicht. In dieser eigentümlichen und bedrohlichen Konstellation wird immer wieder auf Hölderlins berühmten Satz verwiesen: »Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch«.

Doch welche Aussichten und Einsichten lassen sich aus Hölderlins Vers gewinnen, welche Erkenntnisse und Erfahrungen mit ihnen verbinden? Worauf baut die Zuversicht, worin ist die Hoffnung begründet?

Die Akademie für gesprochenes Wort Stuttgart und das deutsche PEN-Zentrum haben Schriftstellerinnen und Schriftstellern ebendiese Preisfrage gestellt. Mehr als 400 von ihnen haben geantwortet. Der ›Preis-Band‹ versammelt
20 Beiträge aus Deutschland, Österreich und der Schweiz – Essays, Gedichte, Erzählungen und dramatische Texte, die aus dem Inneren der Erfahrung berichten und über den Tag hinausweisen

Bad Godesberger Literaturpreis für „Klauber und die Füchsin“

Mit manchen Geschichten ist es eine seltsame Sache. So mit meiner Story „Klauber und die Füchsin“, die ich bereits Ende 2018 schrieb und die zunächst keine Beachtung fand, etwa ein Jahr später jedoch in der englischen Übersetzung von Ruth Martin im britischen Online-Literaturmagazin Tigershark veröffentlicht wurde. Rund ein weiteres Jahr hat es gedauert, bis „Klauber und die Füchsin“ die Jury des Bad Godesberger Literaturwettbewerbs überzeugte. Am 27.August fand nun die Preisverleihung in der Parkbuchhandlung Bad Godesberg mit einer Lesung der prämierten Texte statt, stimmungsvoll begleitet vom Pianisten Andreas Orwat.

„Klauber und die Füchsin“ schildert die Begegnung zwischen dem kauzigen Witwer Eduard Klauber, einem Liebhaber von Sprache und Dichtung, der einsam in einem verschachtelten alten Haus lebt, und einer namenlosen jungen Frau, die sich auf der Flucht vor einem nicht näher benannten Regime befindet.

Als sie in der Küchentür stand, da nahm ich mich zusammen, streute ihr weiter Wortflitter über die angespannten Schultern, dazu ein bisschen sentimentales Klimborium, vorgetragen in meiner besten Schokoladenstimme, schmelzend und dunkel, das mildert und tröstet, das dämpft und zähmt Tiere wie Menschen, sagte ich mir.

Während ich den Tee aufgoss, sah ich auf die Felder hinaus, die leer und dunkel waren. Es hatte zu schneien begonnen und der späte Himmel schimmerte wie ein Kupferkessel. Auf der Schnellstraße pulsierte die schmale, neongrelle Bahn des Autoverkehrs.

„Haben Sie Antwort bekommen?“, fragte sie und meinte meinen Brief an den toten Dichter.  „Flora war meine Antwort“, sagte ich. Das hatte ich mir eben ausgedacht. Ich lachte leise in mich hinein. Sie trank den Pfefferminztee und aß ihre Eier. Wir schwiegen.

Das Haus war still bis auf das Tack-Tack der Pendeluhr. Sie roch nach welkem Winterkraut und Straßengraben, sie dünstete Blut und Schmerz aus, eine gejagte Kreatur. Man lief nicht in Sommersöckchen über die Februarfelder ohne triftigen Grund. “

„Klauber und die Füchsin“ erscheint Ende des Jahres im Literaturmagazin neolith. Eine weitere Veröffentlichung der Story wird es in der Wettbewerbsanthologie des Bad Godesberger Literaturpreises geben, die im Verlauf des kommenden Jahres im Kid Verlag erscheint.

Ich bedanke mich bei der Jury des Bad Godesberger Literaturwettbewerbs und beim Team der Parkbuchhandlung Bad Godesberg. Der schöne Abend fand einen späten und unterhaltsamen Abschluss in der Gesellschaft der sieben weiteren ausgezeichneten Autor*innen.

Der silberne Falter

Wunderbare Neuigkeiten! Eben wurde bestätigt, dass meine Story Der silberne Falter beim diesjährigen Literaturwettbewerb der österreichischen Literaturzeitschrift erostepost , ansässig im Salzburger Literaturhaus, mit dem zweiten Preis ausgezeichnet wurde. Ich bedanke mich bei der Jury und freue mich sehr auf die Preisverleihung im November 2021 in Salzburg.

An jenem Abend regnete es in meinen Raststättenpappbecher, während ich den ersten Schluck nahm und zum Auto zurückging. Ich dachte an nichts Besonderes, es war einer dieser Tage, Sie wissen schon, an denen man so ein bisschen von innen friert und mit nichts rechnet, jedenfalls mit nichts Wunderbarem.

Jemand stand mit dem Rücken zu mir an der Bordsteinkante und blickte auf die bewaldete Ebene hinter der Absperrung hinaus, in das graugrüngefleckte Meer, die Wolken stählerne Schlachtschiffe, die Baumkronen in Aufruhr. Es roch nach Elektrizität und Diesel. 

Von Literaturhaus Salzburg – Literaturhaus Salzburg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56539440

Ich verspreche dir einen schönen Sommer

Der Vorverkauf hat begonnen!

Am 21.7. erscheint meine Erzählung „Die Geister von Margate“ im Rahmen eines neuen Titels im Programm des jungen Berliner Trabanten Verlags.

Ich entwerfe und verwerfe, ich schreibe alles in einem Zug oder stottere meine Sätze zusammen, häufe Fragmente, Bilder aufeinander, um alles wieder umzustoßen und neu anzufangen, zurück in dieser Stadt am Meer, mit ihren Wettbüros und dem Rummelplatz und ihren Teestuben und den minderjährigen Müttern, die sich pinkfarbenen Nagellack von den Nägeln kauen, während sie Buggys vor sich herschieben und davon träumen, die Bälger wieder los zu sein.

„Yeah, the most romantic place on earth, isn´t it?“ Dein leises Lachen.

20 Erzählungen und ein loses Versprechen – Dieses Buch blickt tief in unsere Köpfe und heimlichen Begierden, hinter die Fassaden eines Sommers, der sich müht seine Schatten abzuschütteln. Nicht nur die Pandemie selbst: Auch die Neurosen, Absurditäten und Unwägbarkeiten, die sie in uns hinterlässt. Dabei legt es die Wünsche und Träume von Menschen frei, die ihre Gedanken auf das richten, was kommt. Auf ein Versprechen, von dem nicht klar ist, ob es gehalten werden kann. Auf die verbliebene Frage danach, wohin. 

Autor:innen: Oriol Viader | Nikolai Vogel | Daniela Engist | Franziska Hauser | Fabian Leonhard | Anke Laufer | Jana Scheerer | Simon Sailer | Bianca Döring | Gilda Sahebi | Nico Gutjahr | Robert Kleindienst | Achim Koch | Felix Erdmann | Jakob Leiner | Martin Beyer | Micha B. Rudolph | Manfred Rumpl | Kathrin Gerlof  | Jördis Rosenpfeffer 

Herausgegeben von Fabian Leonhard und Nico Gutjahr 

Seiten: 256 | Softcover

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Der Trabanten Verlag ist ein neu gegründeter Independent-Verlag aus Berlin. Die Schwerpunkte des Programms liegen auf Belletristik, Lyrik- und Essaybänden. Das Verlagsteam sagt über sich:

„Wir wollen Wege finden, um Menschen wieder stärker für Literatur zu begeistern. Dafür experimentieren wir mit neuen medialen Formen und Konzepten. Wir wollen unserer Generation in ihrer schöpferischen Energie Flügel verleihen und literarisch-ästhetischen Anspruch mit dem Puls der Zeit in Einklang bringen. Dabei ist es nicht nur unser Ziel, gute Bücher zu machen, sondern auch soziale Verantwortung zu übernehmen und zu politisieren. Hierfür spenden wir regelmäßig einen Teil unserer Einnahmen an soziale Projekte und wollen gezielt durch eigene Veranstaltungen eine offene und engagierte Debattenkultur fördern.“

Matinee zum Bonner Literaturpreis

Die Redaktion des „Dichtungsring e.V.“ lobte dieses Jahr wieder den „Bonner Literaturpreis“ aus, der mit 1000€ für den ersten Platz dotiert ist. Zudem feiern die Redaktion und die Zeitschrift ihr 40jähriges Jubiläum. Die Einsendungen wurden von den Herausgebern Sigune Schnabel, Werner Pelzer und Susanne Schmincke gesichtet. Die besten Einreichungen davon wertete eine externe Jury anonymisiert aus, um die Preisträger*innen zu finden.

Der erste Preis geht an Monika Littau, ich selbst darf mich, neben Daniel Mylow, über einen zweiten Preis freuen.

Bei der öffentlichen Veranstaltung am Sonntagmorgen, dem 7.11.2021 im Kurfürstlichen Gartenhaus gelten die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz vor COVID-19.

Klauber unter Übersetzer*innen

Zu Gast bei der Literary Translation Summer School an der Universität Bristol

Mit guten Übersetzer*innen geht es mir wie mit guten Lyriker*innen: Ich bewundere und liebe sie für ihre Geduld, ihre Sorgfalt, ihre Fantasie und für ihre Hartnäckigkeit beim hingebungsvollen Umgang mit Sprache. Auch der Ich-Erzähler in meiner Geschichte „Klauber und die Füchsin“ lässt sich wohl zu diesem Menschentypus zählen.

So war es eine wunderbare Überraschung, als mich vor ein paar Wochen die Übersetzerin Ruth Martin kontaktierte. Sie fragte mich, ob ich bereit wäre, im Rahmen der Literary Translation Summer School der Universität Bristol den Teilnehmer*innen ihres Übersetzungsseminars Fragen zu genau diesem Text zu beantworten. Sie habe „Klauber und die Füchsin“ ausgewählt, sagte sie mir später, weil er „jedes klassische Übersetzungsproblem enthielte, das man sich nur vorstellen könne.“ Ruth hatte die Story selbst vor zwei Jahren ins Englische übersetzt.

Ruth ist eine bemerkenswerte Übersetzerin. Es ist eine schwer zu beschreibende Empfindung, den Klang der eigenen Autorenstimme so perfekt in einer anderen Sprache wiederzufinden, nachdem sie dorthin übertragen wurde – in eine andere Sprache, die man selbst gerade gut genug spricht, um sich der eigenen Unzulänglichkeit beim Umgang mit ihr bewusst zu sein. Die Magie einer guten Übersetzung ist mir deshalb manchmal fast ein wenig unheimlich.

Tatsächlich wurde das Online-Treffen mit ihr und den Teilnehmer*innen des Übersetzungsseminars für mich zum absoluten Vergnügen: Wann hat man je die Gelegenheit, gleich zwölf Menschen zu begegnen, die sich über Tage so intensiv mit etwas beschäftigen, das man selbst geschrieben hat? Und wann darf eine Autorin schon mal ganz entspannt und ausführlich über die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe des Textes plaudern, ohne andere zu langweilen?

Ruth erzählte, die Runde habe gleich am ersten Morgen zwei Stunden investiert, um die ersten zehn Zeilen zu übersetzen. Dabei gab es offenbar gleich eine längere Diskussion um die allererste Zeile: „Meine Zehen zappeln in den Pantoffeln. Sie führen ein geheimes Leben unter grauen Filzkappen.“

„It was a very long discussion about whether his toes were wriggling, wiggling or fidgeting”, schrieb sie mir später.   

Liebe Ruth, liebe Teilnehmer*innen von Bristol Translates: It’s been a pleasure!  

Die Website von Ruth Martin finden Sie HIER: http://www.german-to-english-translation.org/

Die Website von Bristol Translates finden Sie HIER: https://www.bristol.ac.uk/sml/translation-studies/bristol-translates/

Zeichnung: A.L.

Bieler Erleuchtungen

bieler gespräche   rencontres de bienne   incontri di bienne

Die Bieler Gespräche sind ein Ort der Begegnung zwischen Autor*innen, Übersetzer*innen, Literaturwissenschaftler*innen und Leser*innen. Mehrsprachig werden hier Texte, in ihrer Entstehung und/oder in Übersetzungsvarianten diskutiert. Autor*innen und Übersetzer*innen reichen vorab – anonym – Texte auf Deutsch, Französisch oder Italienisch ein. Die ausgewählten Texte werden in den verschiedenen Werkstätten während des Treffens besprochen. Anfang Juli 2021 fanden die Bieler Gespräche zum ersten Mal nicht vor Ort (im Schweizer Biel), sondern online statt – nachdem sie aus den bekannten Gründen vom Anfang des Jahres in die Jahresmitte verlegt worden waren.

Da ist dieses Biest von einem Text, das der Autorin immer wieder durch die Finger schlüpft:

Das stete Frösteln begann sich in Stiften zu manifestieren, Follikeln, welche die oberste Schicht durchdrangen, durch Sommersprossen und Hautfalten stießen …

Zunächst in Kurzprosa gehalten, erzählt es von einer Verwandlung, die rabiat ist, aber unausweichlich – womöglich ganz so wie die allmähliche Verwandlung der Autorin selbst, die nie eine Lyrikerin war (gerade weil sie eine beinahe lächerlich zu nennende Ehrfurcht gegenüber brillanter Dichtkunst hegt) – und es jetzt doch nicht leugnen kann: Das Biest von einem Text steckt nach zahllosen Überarbeitungen mitten in der Metamorphose zum Gedicht fest.

Schäfte, sich aus Blutkielen schiebend,

brachen auf entfalteten beiderseitige Fahnen, Äste,

schimmernde Bogen- und Hakenstrahlen …

Also schickt sie es los, das Biest, zu den Bieler Gesprächen, auf gut Glück.

Und findet sich auf einmal eben dort wieder. Erst fremdelt sie ein wenig und fragt dann, etwas verkrampft, in die Zoom-Runde: Ist das Biest ein Gedicht? Kann es eines werden? Soll ich – oder besser nicht?

Klar sollst du, kommt die Antwort.

Die Autorin atmet auf, sie kann Respekt und Wohlwollen mit Händen greifen, selbst im virtuellen Raum. Doch dann, gleich hinterher, klar, da kommt sie, die Textkritik, ganz unverblümt:

Aber da muss noch einiges gearbeitet werden. Einverstanden, denkt die Autorin, hätte ja sonst niemand etwas davon, und gleich danach: Hoffentlich wird´s jetzt nicht allzu schlimm.

Lass den Samsa besser aus dem Spiel, sagt jemand.  Streichen, notiert sich die Autorin.   

Ich würde mich an deiner Stelle auf den Teil fokussieren, in dem die Bilder und die Sprache am interessantesten sind, wo es weh tut … – und wo man es vor sich sieht, das – was auch immer es ist… Ja, das gefällt mir, denkt die Autorin

Da ist ein Perspektivbruch, finde ich, seht ihr das? Ups, denkt die Autorin.

Der Sinn dieser Klammern erschließt sich mir nicht, die könnte man doch herausnehmen, meint ihr nicht? Was habe ich mir bloß bei diesen Klammern gedacht, denkt die Autorin.  

Nimm den Lesenden die Deutung besser nicht ab. Erklär ihnen nichts. Oje, denkt sich die Autorin und, mit einem innerlichen Aufstöhnen: Anfängerfehler!  

Möchtest du noch etwas über dieses Gegenüber sagen, das im Text angesprochen wird? Lieber nicht, denkt die Autorin und äußert sich ausweichend.   

Weißt du, diese beiden letzten Zeilen – dass irgendwie alles mit dem Schreiben zu tun hat, das hat man so oder so ähnlich schon tausendfach gehört. Ihr habt ja so recht, denkt die Autorin.

Kill your fucking darlings!, notiert sie sich. Und das fühlt sich am Ende verdammt gut an.

Schnaps im Dornröschen (und eine Lesung)

Die Lesebühne Text Genuß & Schnaps + Vorträge ist eine unregelmäßig und an wechselnden Orten stattfindende Lesebühne in Hannover. Sie ist Mitglied im Netzwerk Unabhängige Lesereihen. Die Veranstalter hatten mich im vergangenen Jahr eingeladen, weil ihnen mein im neuen Berliner Literaturmagazin Gym veröffentlichter Text „Der Waldrapp“ aufgefallen war. Leider musste meine Lesung dann verschoben werden – oder sollte ich nicht eher sagen: Glücklicherweise?

Denn dieses Mal hatte die Lesebühne an einen wahrhaft märchenhaften Ort geladen: Den Biergarten Dornröschen, idyllisch am Flussufer der Leine gelegen (Die Bilder sprechen für sich). Es ist wohl der klugen Auswahl der Veranstalter – Jan und Milena – zu verdanken, dass die Texte der eingeladenen Autor*innen ebenso märchenhaft zusammenfanden – und passten. Auch er dargebotene Schnaps war vom Feinsten. Kein Wunder also, dass das Publikum bester Stimmung war. Es lasen:

Moritz Brunken, der nicht nur als Texter, sondern auch mit der Freien Theatergruppe Thermoboy FK unterwegs ist.

Freya Petersen, Schriftstellerin und Illustratorin für Fantasy, Comic, Prosa, die zurzeit in Hildesheim Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus studiert.

Lisa Raabe, freiberufliche Texterin und Redakteurin, die zur Zeit ebenfalls in Hildesheim studiert – und zwar Literarisches Schreiben und Lektorieren.

…und ich selbst. Ich las diesmal meine Story „Elfmal Emma und Eve“, die eine Geschichte von Freundschaft und Liebe zwischen zwei Hochhausbalkonen und Textnachrichten erzählt – in der Hitze des Sommers 2021.

alle Fotos (bis auf 1) © Lamin Njie, https://www.instagram.com/blvcktvty/?hl=de

„Elfmal Emma und Eve“ unter den Preisträgern der Akademie für gesprochenes Wort und des deutschen PEN Zentrums

Lange ist es her, dass ich mich über eine Auszeichnung für einen meiner Texte freuen durfte. Doch der Fleiß des vergangenen Jahres (der vor allem den langen Lockdownmonaten geschuldet ist) beginnt sich auszuzahlen. Im Januar wurde meine Story: „Das Zeichen“ zum Text des Monats des Literaturhauses Zürich gewählt.

Nun ist mein Text „Elfmal Emma und Eve“ unter den Preisträgern des Wettbewerbs „Wächst das Rettende auch“. Der Preis wurde von der Akademie für gesprochenes Wort – Utta Kutter Stiftung und dem PEN-Zentrum Deutschland zum 250. Geburtstag Friedrich Hölderlins ausgeschrieben. Dazu hieß es in der Ausschreibung: „Akademie und PEN regen damit zur literarischen Auseinandersetzung mit individuellen und sozialen Dimensionen der aktuellen Krise und ihrer geistigen Bewältigung an.“ Die Preisverleihung findet – vorausgesetzt die Pandemielage lässt dies zu – im September in Stuttgart statt. Auch die Anthologie zum Wettbewerb wird dann erscheinen.

In meiner Story „Elfmal Emma und Eve“ entspinnt sich während des Lockdowns eine Freundschaft zwischen zwei sehr unterschiedlichen Frauen – von Balkon zu Balkon ihrer kleinen Hochhauswohnungen.

Am Morgen fällt mein Blick als Erstes auf den sonnenbeschienenen Fleck neben dem Bett, wo das gebrauchte Kondom liegt, zusammengerollt wie ein zertretenes Weichtier. Ich stehe auf, schlüpfe in den alten Bademantel und zurre den Gürtel fest, nehme das Ding mit spitzen Fingern hoch und trage es hinaus auf den Balkon, wo ich es in die Restmülltonne fallen lasse.  

Sie sollten vorsichtig sein, sagt eine Stimme ganz in der Nähe.

Ich schnappe nach Luft. Es ist meine Nachbarin. Der Kater sitzt diesmal zu ihren Füßen und schickt mir einen abschätzigen Blick.

Ich kann schon auf mich aufpassen. Aber danke, sage ich.

Sie mustert mich aus ihren tiefliegenden, trüben Augen. Fehler sind schnell gemacht. Sage ich immer.

Stimmt schon, sage ich, weil ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll. Das Rauschen der Stadt ist ein entfernter Strom, aus dem sich dünn das Wehklagen einer Sirene heraufschraubt.“

Die Zähmung der Schwalben

Meine Story: „Die Zähmung der Schwalben“ ist eben in der neuesten Ausgabe des Wiener Literaturmagazins DUM erschienen, die unter dem Motto „Pantoffel statt Pandemie“ dazu aufgerufen hatte, Prosa und Lyrik zum Thema „Neue Häuslichkeit“ einzusenden.

(Und wofür steht eigentlich DUM? Es ist Das Ultimative Magazin, was sonst?)

Die Zähmung der Schwalben erzählt von Quint. Einem Mann, der sich abschottet, niemanden mehr an sich heranlässt. Bis eines Tages diese Neue bei EssenZ anfängt, dem Lieferdienst, der ihm die Einkäufe bis vor die Tür bringt…

Quint hielt Ausschau, bis er sie weit über den Hügeln ausmachte. Erst kamen sie einzeln, dann flogen sie dichter, ritzten Linien ins Firmament, flüchtig bloß, eingebildet.

Er verlagerte das Gewicht, nahm weiter Schwung, half mit den Beinen nach. Mit jedem Ausschlag gewann das Schaukelpendel an Höhe, eroberte sich rostig jauchzend ein weiteres Stück des Sommerhimmels. Höher und höher flog er auf seinem Trapez. Unter ihm schwankte die Hecke hin und her wie eine feierliche Prozession grüngeschmückter Elefantenrücken. Er war Quint. Er war der König der Artisten. Er war der Dompteur der Schwalben.“