Märchen, Sex und Gender

Im Juli erschien eine Anthologie erotischer Märchen im Wiener Quest Verlag, einem Imprint der Vienna Academic Press unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Archetypen – Märchen, Sex und Gender“. Der sehr akademisch anmutende Titel verweist auf die große Bandbreite und den Anspruch der Sammlung. Wie Therese Bauer, die Herausgeberin der Sammlung, stellt ihrem Vorwort ein Zitat G.K. Chestertons voran:

„Märchen sind mehr als wahr, nicht, weil sie uns sagen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns sagen, dass Drachen besiegt werden können.“

In meinem Text „Im Weißdorn“ wird eine Frau während der Menopause „weder zur weisen Alten noch zur hässlichen Hexe, sondern sie bleibt lüstern und begehrenswert“, wie Theresa Bauer in ihrem Vorwort weiter schreibt. Wie in dieser Geschichte, die den Auftakt zur Sammlung macht, geht es im gesamten Buch märchenhaft-archetypisch zu und doch wird die Welt auch lustvoll-anarchistisch gegen den Strich gebürstet. Dornröschen wird nicht nur wachgeküsst. Mit dem Erwachen der Frau erwacht die Welt:

Und satt rekelte ich mich, unser Bett ein Pfuhl auf verlassener Lichtung. Ich roch ihn, den Schlamm, die sumpfigen Niederungen, ich roch den Laich und die Sporen. Ich drehte den Kopf und leckte den salzigen Rand von den Knöcheln deiner Hand.

Wie er sie so berührt hatte, da erhob sich die dreizehnte Fee von ihrem Lager und erkannte ihre Macht. Und wie sie sich erhob, da sprang zur selben Zeit die Katze vom Sofa im grünen Salon. Die Fliegen begannen zu surren, das Feuer tobte lodernd im Kamin. Sonnenlicht perlte durch den Baldachin des Weißdorns zum Fenster herein, und die Vögel flogen herbei und ließen sich darin nieder, spreizten ihr Gefieder und sprangen von Ast zu Ast.

In der Dämmerung breiteten sie die Flügel aus und flogen davon.  

.

Seascape – vom Schreiben am Klippenrand

Irgendwann im Oktober, kurz vor meinem Aufbruch zu dieser Reise, erschien sie mir auf einmal als ein größenwahnsinniges, unmögliches Vorhaben. Es galt durch so viele brennende Ringe zu springen, selbst nach der erfolgreichen Bewerbung für einen der unter Künstlern, Filmemachern, Komponisten und Schriftstellern so begehrten Aufenthalte im Böll Cottage auf Achill Island. Alles schien angesichts meiner Erschöpfung plötzlich zu groß, zu schwer, zu weit: eine emotionale und schriftstellerische Überforderung schien sich anzubahnen, wahrscheinlich sogar ein grandios-dramatisches Scheitern oder, womöglich, ganz und gar klägliches Aufgeben.

Tatsächlich hatte ich mir zusammen mit meinem alten Mini einiges vorgenommen, weit mehr als die besungenen 900 Meilen – nämlich 2500 – umgerechnet rund 4000 Kilometer. Unterwegs schwächelten wir zuweilen, mein Mini und ich, mal waren es Öl und Batterie, mal Einsamkeit und Selbstzweifel.

Groß und dramatisch war dann an dieser Reise einiges, aber nicht das Scheitern. Wir haben durchgehalten, der Mini und ich. Überwältigend waren sie beide, die Landschaften nah der stürmischen, winterlichen See, wenn auch so grundverschieden: Das vertraute und doch so geheimnisvolle Devon – voller Geschichten und Gedichte, voller Gespräche mit klugen Freunden, aber auch nächtlicher Irrfahrten in überfluteten, von uralten Hecken gesäumten Sträßchen. Und dann die wilde und wintereinsame Insel Achill im irischen Westen, der Sehnsuchtsort Heinrich Bölls. Hier hat sich dann auf seltsame Weise etwas in mir verschoben, wie sich die Fracht auf einem Boot in stürmischer See verschiebt und einen neuen Schwerpunkt findet. Hier füllten sich meine Notizbücher. Neue Texte entstanden, die mir jetzt ebenso unbezähmbar und unergründlich vorkommen wie die Insel selbst. Selbst zum Zeichnen und Malen bin ich hier nach langen Jahren zaghaft zurückgekehrt – wenn der Sturm nach einem langen Tag die Worte fortgeblasen hatte und es doch noch vieles zu sagen gab. Unbestreitbare Unbeholfenheit und die Angst vor dem Scheitern, all das muss keine Rolle mehr spielen unter jenen großen Himmeln, am Rand der ins Bodenlose abfallenden Klippen, unter dem Blick des purpurfarbenen Mount Slievemore, über den die Wolkenschatten fliegen. Denn wer sich klein und unbedeutend fühlt wie nie, der ist auch seltsam frei.

achill island, november 2023

My thanks to John McHue, John Smith, the Heinrich Boell Foundation, County Mayo and the Arts Council of Ireland. Thank you for letting me stay in this place of wonder and beauty for a little while.

I also want to thank my friends in Devon. Alan, for his generous hospitality, Moira, Owen & Lucie for cake and company and especially Matt Bryden, for his friendship, support and appreciation in difficult times.

Wie viele Meilen unter dem Meer

stellt euch vor,

 ihr Piraten und Besatzer des Yellow Submarine

nicht weit vom heißen Beutestrand, jenseits der Korallengärten, 

lasst ihr euer Gefährt zurück am Rand der Unterwasserklippe.

Stellt euch vor

Ihr lasst euch fallen, wo

Lichtsprenkel und Funken rasch verlöschen

© illustrationen: anke laufer, 2022

irgendwo bei den Marianen, Süd-Sandwich,

Puerto Rico oder Sunda,

wo das Kliff ins Bodenlose stürzt,

über die Bruchkante in den Graben

abwärts

zwischen Land und kalter Tiefe. 

stellt euch vor, wie eure Lungen schwinden,

ihr zu Kiemen und Flossenwesen werdet,

stellt sie euch vor,

eure schuppigen Leiber aus uralten Mythen,

euer silbriges Blitzen im schwindenden Licht,

euren Unterwasserflug an Balkonen, Simsen

vorbei

an seitwärtigen Tälern, Nischen, Unterwasserauen,

dann weiter hinab ins Nichts

lasst euch selbst los im Sog

vergesst euch selbst im Mahlstrom,

lasst euch hinabreißen

in die Kellergeschosse und zerklüfteten Unterwelten,

wo Drifte und Strömungen an euch zerren, wo Plankton vorbeirast

wie Schnee am nächtlichen Autofenster –

dann auf einmal wird es still

öffnet die Augen. Dort,

wo eine Tiefseequappe sich dreht und windet im stillen Tanz

wo Kragenhaie auf Raubzug gehen, mächtige Krebstiere mit Scherenhänden winken,

wo Kopffüßler über uns hinwegschießen wie fahle Pfeile

wo Rippenquallen schillern und wie von selbst verlöschen

wo Perlboote aufsteigen und sacht über uns hinwegtorkeln

wo Seelilien die Anker ihrer Wiesen lichten, um anderswo Beute aus der Strömung zu fischen

wo Milliarden winziger Lebenssterne im Reich der Finsternis glimmen

wo ein Riesenkalmar, eben einem Seefahrermärchen entstiegen, im freien Wasser schwebt und uns beäugt  –

Dort drüben jedoch

in jenen Spalten zwischen Felsknollen, in jenen steinernen Tunneln und Augenhöhlen verpasst ihr jetzt, genau jetzt,

die Begegnung mit drei unbekannten Arten während

eine Plastiktüte euch ablenkt, die über den Abhang dümpelt

all die Wesen, kaum erblickt oder nie entdeckt,

keinem nutzt der stachelige Trotz, keinem die Fangzähne

preisgegeben sind sie

wo der menschliche Beutegreifer sich tummelt 

da wirbelt eine Wolke vor euch auf

keine Tränen trüben die Sicht,

nur Schlick, oder vielleicht

ein flimmernder Schleier aus Krebstierchen

eine kleine Weile

bis der letzte Vorhang sich hebt

und ihr glaubt, am einsamsten Ort der Welt angekommen zu sein

wo ein schwarzer Raucher

wie eine dunkle Märchenfabrik aus der Tiefe wächst

es kochend heiß aus allen Kaminen quillt

der Zyklus sich wendet – 

Legionen grauer Garnelen wimmeln und drängeln

Etwas tüpfelt und krabbelt geschäftig um die Schlote

Seegurken kreiseln wie eine Flotte praller Zeppeline,

Scharen von Schleimaalen putzen das Aas vom Boden

während es herabregnet, auf sie alle, unaufhörlich

Kot, Glibber und Knochen

Fasern, Plastik, Pflanzenteile

Gräten und Teer,

all das fängt die Tiefe auf

mit tausendundein nachtsamtenen Mäulern

schluckt Nahrung und Gift

und macht es neu

all das Leben

Wie viele Meilen unter dem Meer ist ein Text, den ich zum Jahresbeginn 2023 für eine multimediale Kunstaktion von XR/ extinction rebellion Stuttgart verfasst habe, in der es um die Bedrohung der Tiefsee durch die bevorstehende Freigabe des Meeresbodens für den Bergbau geht. Viele, auch bisher unbekannte Arten, werden dabei wohl ausgelöscht werden. Beim Abtragen des Meeresbodens mit Hilfe schwerer Maschinen werden womöglich auch dort lagernde natürliche Kohlenstoffspeicher zerstört – mit unabsehbaren Folgen für die sich verschärfende Klimakrise. Für mehr Informationen siehe https://rebellion.global/

https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/tiefsee-gefahr

Mein surreales Jahr

Kurz darauf bringt der Mann den Seehund ins Haus, der fortan nachts zwischen ihnen liegt. Lisbeth liegt auf dem Rücken und lauscht. Sie hört, wie das Fell des Seehunds über die Haut des Mannes schabt, sie hört, wie ihm der Leib des Seehunds zwischen den Fingern knistert. 

Aus: Lisbeth springt

Zum Ausklang des Jahres 2022 erkundete ich mit meiner Kollegin Livia Scholz-Breznay und unseren Studierenden an der dekart, der Design + Kunst Akademie Reutlingen, zum wiederholten Mal die künstlerischen Dimensionen des Dadaismus. Zum Auftakt des Jahres 2023 wandten wir uns gemeinsam dem Surrealismus zu. Wie schon innerhalb des Dadaismus, so erkennt man auch ein surrealistisches Kunstwerk nicht an Stil und Pinselstrich. Man kann ein Pissoir ausstellen und es zum Kunstwerk erklären wie Marcel Duchamp (einfach, weil es einem gefällt!). Man kann eine Tasse mit Pelz überziehen wie Meret Oppenheim, oder eine Menagerie seltsamer und doch vertrauter Geisterwesen erfinden, sie malen und über sie erzählen, wie Leonora Carrington. Sofort wird klar: Sowohl beim Dadaismus wie beim Surrealismus handelt es sich um nicht weniger als eine Revolution, ein sich Aufbäumen gegen Konvention und Autorität, ein Sprengen innerer Fesseln und äußerlicher Grenzen – eine Geisteshaltung also, die sich der Loslösung und der Freiheit verschrieben hat, einer inneren Freiheit der Vorstellungskraft, die weit jenseits von allem liegt, was mit Konsum und Globetrotterromantik zu erkaufen ist.

Inspirationen gewann der Surrealismus vor allem aus der Beschäftigung mit dem Unbewussten, dem Absurden und Fantastischen und den Träumen. Damit findet diese Kunstbewegung zu Bildern, die Unsagbares, Unbeschreibliches zu fassen vermögen, den Subtext, den wir manchmal als einen kalten Schauer im Rücken spüren, das Gespenst einer Möglichkeit, einer Emotion, der wir bisher aus dem Weg gegangen sind und die uns sacht mit einer Fingerspitze berührt.

Jorge Luis Borges, einer der Meister des literarischen Surrealismus, hat das Leben einst als einen Garten der verzweigenden Pfade beschrieben, aber vielleicht meinte er auch nur das Buch, die Literatur, das Geschichtenerzählen. Ein entstehendes Buch als einen Irrgarten zu beschreiben, ist also nicht wirklich etwas Neues, und es bringt noch nicht einmal neue Einsichten in die tägliche Arbeit, die einer beunruhigten und von ganz reellen Sorgen geplagten Schriftstellerin von Nutzen sein könnten. Mit dem Leben ist es ganz genau so: Hinter jeder verpassten Abzweigung liegt eine verworfene Alternative zu dem Leben, das man tatsächlich geführt hat. Glücksgefühle, Katastrophen, Ungewissheit, Erfüllung – Schicht um Schicht.

© anke laufer, 2021

Die weißen Zehen versinken im sumpfigen Grund, Gräser peitschen Striemen in ihre Haut. Sie stützt sich auf den Spaten und schaut hinab ins goldbraune Wasser.

Flohkrebse schießen, Molche dümpeln. Sie bückt sich nach einem Blinken. Lisbeth reibt den Dreck von Kopf und Zahl und steckt eine Münze in die Schürzentasche. Dann tut sie dasselbe ein zweites, ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal. Der Schlamm ist voll glänzender Sterntaler, die sie blankreiben muss. Ein Auskommen. 

Lisbeth bürstet sich vor dem blinden Spiegel die Nässe aus dem Haar.

Aus: Lisbeth springt

Borges war von einer Reihe von Metaphern und Symbolen besessen. Dazu gehören sein Sandbuch, Labyrinthe, Archive und auch Spiegel. Eigenbeobachtung, zersplitternde Spiegelbilder und Identitäten, Selbstbefragung und Verwandlung: all das und vieles mehr steckt in und hinter den Spiegeln.

Seit ziemlich genau einem Jahr entwickle ich tastend, schreibend ein Gespür dafür, welch mächtiges Instrument jenes künstlerisch-subversive Träumen bei der Bewältigung innerer und äußerer Krisen sein kann, während ich – wie es das Schicksal zuweilen will – mit eigenen Dämonen zu kämpfen habe. Nicht von ungefähr entstand der Surrealismus in einer von Krisen und Verwerfungen geschüttelten Epoche, die unserer Zeit in vieler Hinsicht gleicht. Leonora Carrington verarbeitete in Gemälden und Erzählungen ihren psychischen Zusammenbruch nach der Trennung von Max Ernst in der Folge von dessen Verfolgung und zweifacher Verhaftung. Betrachtet man ihr Gemälde Down Below von 1940, in dem sie ihre alptraumhafte Zeit in einer spanischen Nervenheilanstalt in dunkle Visionen fasst, so wird klar: je mehr Freiheit man der Entfaltung innerer Bilder gewährt, je absurder und befremdlicher diese Bilder zunächst erscheinen mögen, desto mehr treffen sie den Kern einer inneren und in vielen Facetten schillernden Wahrheit.

© anke laufer 2022

Die Vögel rucken mit den Köpfen, beäugen sie, drei, acht und neun, sperren die Schnäbel auf und zeigen ihre blauen Zungen. Einer schlägt jetzt weit mit den Flügeln, bevor ein fahles Fiepen aus seiner schneeweißen Brust dringt. Aus anderen Schnäbeln platzt orangenes Schnattern, kupferbraunes Krächzen, ginstergelbes Geckern, tausendfach vom Echo zurückgeworfen.

Sie wetzen eifrig ihre Schnäbel, wetzen die Schnäbel wieder und wieder, recken ihre Hälse und werfen ihre Köpfe hin und her, watscheln und flattern Richtung Höhlenauge, Augenhöhle, wo der Wind heult. Dort, am äußersten Rand, schütteln sie ihr Federkleid noch einmal im Morgenlicht, spreizen ihre Schwingen

fallen hinaus

Lisbeth sieht zu, wie der Seewind sie mit seinen Händen greift und hinaufwirft ins Blau, wo ihr Gefieder aufleuchtet, als hätten Spielzeuge Feuer gefangen.“

Aus: Lisbeth springt

Fort – von der Notwendigkeit aufzubrechen

Es ist Anfang August 2022. Die Welt dort draußen ächzt unter der nächsten Hitzewelle – einem Zeichen, das inzwischen jeder lesen kann, wie der Ich-Erzähler in meiner Short Story „Der silberne Falter“ wie nebenbei bemerkt. Die Pandemie scheint – zumindest für den Moment – in den Hintergrund unseres Alltags gerückt zu sein und wir freuen uns wieder auf das Reisen, so sehr es auch durch Staus, Lieferengpässe und abgesagte Flüge erschwert wird. Fort, bloß fort zieht es uns. Das Unterwegssein erscheint zugleich als Flucht und Belohnung. Wir werfen einen Blick über die Schulter zurück – und sehen zweieinhalb schwierige Jahre, welche die Welt verändert haben. Auf einmal ist uns bewusst, was wir verlieren könnten – und ziehen Bilanz über das, was wir bereits verloren haben. Die Erkenntnis, der wir uns womöglich verweigern, lautet: Stillstand ist keine Option. Schriftsteller*innen neigen vielleicht dazu, ihre Abenteuer im Kopf stattfinden zu lassen, Drahtseilakte auf die Fiktion zu beschränken – doch Aufbruch und Wagnis sind eine Notwendigkeit im Leben, selbst für Schriftsteller*innen mittleren Alters.

Die zwölf großen Gefühle

Es gibt einiges aufzuholen, was den Inhalt dieser Website angeht. Zum Beispiel wäre zu berichten gewesen, wie die virtuelle Preisverleihung im Literaturhaus Zürich am 4. Februar dieses Jahres verlief – eine logistische Meisterleistung, bei der alle zwölf Preisträger des Wettbewerbs „Die großen Zwölf“ (präsent auf einer riesigen Leinwand, von Zoom-Kacheln lächelnd) ihre Texte lasen und interviewt wurden – während kurioserweise das Publikum selbst live im Literaturhaus dabei sein durfte. Mit den „Großen Zwölf“ waren übrigens nicht die ausgezeichneten Autor*innen gemeint, sondern zwölf große Emotionen, welche die monatliche Themenstellung bestimmten: „Hoffnung“ war das Thema im Januar – dem Monat, in dem mein Text „Das Zeichen“ die Ausschreibung gewann – ein hoffnungsfroher Start ins literarische Jahr also.

Zuflucht

Ein paar Wochen erlebte ich den Aufwand, den die Organisation und die Aufzeichnung eines großen Online-Events bedeuten, dann auch aus der Sicht der Macher*innen mit. Seit der letzten Ausgabe der Literaturzeitschrift neolith (beheimatet an der Bergischen Universität Wuppertal) bin ich – Dank virtueller Meetings – Teil des Redaktionsteams. Am 27.Februar zeichneten wir unsere Online-Releaselesung mit allen an der aktuellen Ausgabe – neolith#6 zum Thema „Zuflucht“ – beteiligten Autor*innen auf, die ihr hier findet: https://www.youtube.com/watch?v=hirCZahD6uY.

Am 7. Mai gab es dann auch nochmal eine Live-Veranstaltung zum Erscheinen von neolith#6, organisiert vom Literaturhaus Wuppertal – bei dem die Macher*innen der Literaturzeitschriften neolith, Karussell und KLiteratur aufeinandertrafen und miteinander über ihre Arbeit ins Gespräch kamen.

Hoffnung. Trauer.

Die Ausgabe von neolith stand dieses Mal im Zeichen des Themas „Zuflucht“. Sie gewann in diesem Frühjahr mit dem russischen Überfall auf die Ukraine an unerwarteter Aktualität. Auch als ich im März mein kleines Gedicht „Paket“ für die Spendenanthologie #Antikriegslyrik des Berliner Trabantenverlags verfasste (nein, ich bin keine Lyrikerin, aber es war für einen guten Zweck) ahnte ich nicht, dass es mir im August noch einmal begegnen würde – nämlich im Rahmen einer Handreichung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge für die Gestaltung von Gottesdiensten zu Volkstrauertag.

Das literarische Vermächtnis eines russischen Studenten

Eine besondere Freude war es für mich, den diesjährigen Daniil Pashkoff Prize in der Sparte Prosa (over 19, obviously ;)) zu gewinnen.

In einer anderen Sprache zu schreiben, ist ein Aufbruch und ein Wildern im fremden Territorium. Da kann und muss vieles schiefgehen. Das Spiel mit Übersetzung und Bedeutung öffnet aber auch ungeahnte Möglichkeiten, besonders für die Schreibenden selbst. Die Frage und Ahnung, mit welcher (authentischen) Stimme man in einer anderen Sprache schreiben könnte, ist für Autor*innen wohl eine der spannendsten überhaupt.

Der Daniil Pashkoff Prize for Creative Writing in English by a Non-Native Speaker wird alle zwei Jahre für Texte in englischer Sprache verliehen, die von Nichtmuttersprachler*innen verfasst wurden. Benannt ist der Preis nach Daniil Pashkoff, dem ersten russischen Anglistikstudenten an der TU Braunschweig. Er brachte aus seiner Heimatstadt Novosibirsk eine ansteckende Leidenschaft für die englische Sprache und Literatur mit. Daniil verstarb unerwartet im Juli 1998 im Alter von nur 27 Jahren und hinterließ einen großen Freundeskreis, der um sein einzigartiges Talent trauerte. Aufgrund dessen entstand die Idee, einen Preis für kreatives Schreiben in englischer Sprache unter Nichtmuttersprachler*innen auszuloben.

Die festliche Verleihung der Preise fand in diesem Jahr am 11. Juni im alten Rathaus in Braunschweig statt.

Auf der Insel

Auch bei den sogenannten Bieler Gesprächen, die in diesem Jahr vom 2. bis 3. Juli wieder live und vor Ort im Schweizerischen Literaturinstitut in Biel stattfanden, ging es vor allem um Literatur, Sprache und Übersetzung – in diesem Falle zwischen Italienisch, Französisch und Deutsch. Ich war bei den Bieler Gesprächen mit einem Auszug aus meiner Story „Die Insel“ zu Gast, die in einem Forum von Autor*innen, Sprachwissenschaftler*innen und Übersetzer*innen diskutiert wurde – für mich eine unglaubliche Erfahrung. Einer solchen Runde entgeht keine Schwäche des Textes – während ein Lob aus ihrer Mitte eine köstliche Labsal für die (mehr oder minder) stets zweifelnde Schriftsteller*innenseele darstellt.

Vielleicht entdeckst du sie deshalb, die Insel. Dieses von allem abgeschnittene Territorium, herausgesäbelt aus den Gefilden tief unter dir, inmitten der mehrspurigen Schleifen, der sichelförmigen Zu- und Abfahrten, jenseits eines Bahndamms, diesseits eines Stausees, in südöstlicher Richtung verjüngt zu einer Zunge, die sich unter die Brücke schiebt. Eine Insel, ganz eindeutig: Ausmaße, Morphologie, Baumbestand, Zeit- und Erdschichten, halb versunkene Festungswälle von Großbaustellen, denen kleinere Eingriffe folgten, wieder vernarbten, während sich der Verlauf der Fahrbahnen um neue Grate und Verwerfungen erweiterte. Doch im Zentrum überlebte die Insel, ein Eiland von beachtlicher Größe im Meer der menschengemachten Ödnis – schattig, einsam, üppig. Wild.“

„Die Insel“ erscheint demnächst in englischer Übersetzung im vierteljährlich erscheinenden Journal
Trafika Europe der Penn State University, New York.

Umbruch. Aufbruch.

Für mich ist es eine seltsame Zeit, dieser Sommer 2022. Umbrüche liegen hinter mir – unter anderem zwei Covid-Erkrankungen, die ohne vollen Impfschutz wohl weit weniger glimpflich verlaufen wären. Es ist eine Zeit des Innehaltens, kurz vor dem Aufbruch.

Den größten Teil des Herbstes werde ich für einen Schreib- und Rechercheaufenthalt in den englischen Grafschaften Devon und Somerset nutzen – gesplittet zwischen einem Cottage an der Südküste, einer sogenannten Sheperd Hut im Herzen der Blackdown Hills und dem Artist Retreat Awakenings at Wick.

Arbeiten werde ich am Abschluss eines Projekts mit dem Arbeitstitel „Phantomgrenzen“, einer Art surrealem Roadmovie im Europa der Zukunft, in dem sich Geschichten um unterschiedliche Figuren verzweigen und neu verflechten.

Zudem werden Illustrationen und Texte für ein gemeinsames Projekt mit dem englischen Lyriker Matt Bryden entstehen – ein Aufbruch in die lange vernachlässigten Gefilde von Zeichenstift und Farbe, noch ein Wagnis also – das Risiko einer Blamage inbegriffen.

Doch was gibt es dabei denn wirklich zu verlieren – außer der Hoffnung?

Literatur|Zeit|Schriften – neolith, Karussell und KLiteratur

07.05.2022 – 15:00 Uhr

Literaturzeitschriften sind Kaleidoskope unserer Zeit. Von den Redaktionen sorgsam kuratiert, bieten sie Lesevergnügen und -überraschungen: Eine anregende Gesellschaft von Texten und Autor:innen. Sie kombinieren und komponieren Einzelteile – neue literarische Texte – zu einem größeren Bild, sind ein Spiegel unserer Debatten und Perspektiven, der klarer sehen oder auch Unklarheiten urplötzlich entdecken lässt.

Diese Beschreibung trifft – dem Anspruch nach – alle Literaturzeitschriften, die alten mit großer, langer Tradition und die jungen, neu gegründeten.


Drei aktuelle Literaturzeitschriften präsentieren sich am Samstag, dem 07.05.2022 in einer Veranstaltung des Literaturhauses Wuppertal. Neben Redaktionsmitgliedern sind auch Autor:innen der jeweils neuesten Ausgabe dabei.

neolith – das Magazin für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal mit seiner inzwischen sechsten Ausgabe zum – drängend aktuellen – Thema „Zuflucht“,

KARUSSELL, die Bergische Zeitschrift für Literatur , mit ihrem dreizehnten Heft zum Thema „Unsere Kriege im Frieden“ sowie

die KLiteratur aus Köln, deren siebente Nummer in Kürze unter dem Motto „Fehler“ erscheint.

Als Autor:innen dabei sind Anke Laufer aus Wannweil bei Tübingen für neolith, Dorothea Renckhoff aus Köln für Karussell und Samy Challah ebenfalls aus Köln für die Kliteratur.

Tickets gibt es an der Tageskasse sowie zuzüglich einer Vorverkaufsgebühr von 0,90 € auf Wuppertal-Live.

Ort:codeks City Hub (Friedrich-Ebert-Straße 15, Laurentiusplatz)
Eintritt:6,00 €, ermäßigt 3,00 €

Der silberne Falter

Wunderbare Neuigkeiten! Eben wurde bestätigt, dass meine Story Der silberne Falter beim diesjährigen Literaturwettbewerb der österreichischen Literaturzeitschrift erostepost , ansässig im Salzburger Literaturhaus, mit dem zweiten Preis ausgezeichnet wurde. Ich bedanke mich bei der Jury und freue mich sehr auf die Preisverleihung im November 2021 in Salzburg.

An jenem Abend regnete es in meinen Raststättenpappbecher, während ich den ersten Schluck nahm und zum Auto zurückging. Ich dachte an nichts Besonderes, es war einer dieser Tage, Sie wissen schon, an denen man so ein bisschen von innen friert und mit nichts rechnet, jedenfalls mit nichts Wunderbarem.

Jemand stand mit dem Rücken zu mir an der Bordsteinkante und blickte auf die bewaldete Ebene hinter der Absperrung hinaus, in das graugrüngefleckte Meer, die Wolken stählerne Schlachtschiffe, die Baumkronen in Aufruhr. Es roch nach Elektrizität und Diesel. 

Von Literaturhaus Salzburg – Literaturhaus Salzburg, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=56539440

Klauber unter Übersetzer*innen

Zu Gast bei der Literary Translation Summer School an der Universität Bristol

Mit guten Übersetzer*innen geht es mir wie mit guten Lyriker*innen: Ich bewundere und liebe sie für ihre Geduld, ihre Sorgfalt, ihre Fantasie und für ihre Hartnäckigkeit beim hingebungsvollen Umgang mit Sprache. Auch der Ich-Erzähler in meiner Geschichte „Klauber und die Füchsin“ lässt sich wohl zu diesem Menschentypus zählen.

So war es eine wunderbare Überraschung, als mich vor ein paar Wochen die Übersetzerin Ruth Martin kontaktierte. Sie fragte mich, ob ich bereit wäre, im Rahmen der Literary Translation Summer School der Universität Bristol den Teilnehmer*innen ihres Übersetzungsseminars Fragen zu genau diesem Text zu beantworten. Sie habe „Klauber und die Füchsin“ ausgewählt, sagte sie mir später, weil er „jedes klassische Übersetzungsproblem enthielte, das man sich nur vorstellen könne.“ Ruth hatte die Story selbst vor zwei Jahren ins Englische übersetzt.

Ruth ist eine bemerkenswerte Übersetzerin. Es ist eine schwer zu beschreibende Empfindung, den Klang der eigenen Autorenstimme so perfekt in einer anderen Sprache wiederzufinden, nachdem sie dorthin übertragen wurde – in eine andere Sprache, die man selbst gerade gut genug spricht, um sich der eigenen Unzulänglichkeit beim Umgang mit ihr bewusst zu sein. Die Magie einer guten Übersetzung ist mir deshalb manchmal fast ein wenig unheimlich.

Tatsächlich wurde das Online-Treffen mit ihr und den Teilnehmer*innen des Übersetzungsseminars für mich zum absoluten Vergnügen: Wann hat man je die Gelegenheit, gleich zwölf Menschen zu begegnen, die sich über Tage so intensiv mit etwas beschäftigen, das man selbst geschrieben hat? Und wann darf eine Autorin schon mal ganz entspannt und ausführlich über die Entstehungsgeschichte und die Hintergründe des Textes plaudern, ohne andere zu langweilen?

Ruth erzählte, die Runde habe gleich am ersten Morgen zwei Stunden investiert, um die ersten zehn Zeilen zu übersetzen. Dabei gab es offenbar gleich eine längere Diskussion um die allererste Zeile: „Meine Zehen zappeln in den Pantoffeln. Sie führen ein geheimes Leben unter grauen Filzkappen.“

„It was a very long discussion about whether his toes were wriggling, wiggling or fidgeting”, schrieb sie mir später.   

Liebe Ruth, liebe Teilnehmer*innen von Bristol Translates: It’s been a pleasure!  

Die Website von Ruth Martin finden Sie HIER: http://www.german-to-english-translation.org/

Die Website von Bristol Translates finden Sie HIER: https://www.bristol.ac.uk/sml/translation-studies/bristol-translates/

Zeichnung: A.L.

Bieler Erleuchtungen

bieler gespräche   rencontres de bienne   incontri di bienne

Die Bieler Gespräche sind ein Ort der Begegnung zwischen Autor*innen, Übersetzer*innen, Literaturwissenschaftler*innen und Leser*innen. Mehrsprachig werden hier Texte, in ihrer Entstehung und/oder in Übersetzungsvarianten diskutiert. Autor*innen und Übersetzer*innen reichen vorab – anonym – Texte auf Deutsch, Französisch oder Italienisch ein. Die ausgewählten Texte werden in den verschiedenen Werkstätten während des Treffens besprochen. Anfang Juli 2021 fanden die Bieler Gespräche zum ersten Mal nicht vor Ort (im Schweizer Biel), sondern online statt – nachdem sie aus den bekannten Gründen vom Anfang des Jahres in die Jahresmitte verlegt worden waren.

Da ist dieses Biest von einem Text, das der Autorin immer wieder durch die Finger schlüpft:

Das stete Frösteln begann sich in Stiften zu manifestieren, Follikeln, welche die oberste Schicht durchdrangen, durch Sommersprossen und Hautfalten stießen …

Zunächst in Kurzprosa gehalten, erzählt es von einer Verwandlung, die rabiat ist, aber unausweichlich – womöglich ganz so wie die allmähliche Verwandlung der Autorin selbst, die nie eine Lyrikerin war (gerade weil sie eine beinahe lächerlich zu nennende Ehrfurcht gegenüber brillanter Dichtkunst hegt) – und es jetzt doch nicht leugnen kann: Das Biest von einem Text steckt nach zahllosen Überarbeitungen mitten in der Metamorphose zum Gedicht fest.

Schäfte, sich aus Blutkielen schiebend,

brachen auf entfalteten beiderseitige Fahnen, Äste,

schimmernde Bogen- und Hakenstrahlen …

Also schickt sie es los, das Biest, zu den Bieler Gesprächen, auf gut Glück.

Und findet sich auf einmal eben dort wieder. Erst fremdelt sie ein wenig und fragt dann, etwas verkrampft, in die Zoom-Runde: Ist das Biest ein Gedicht? Kann es eines werden? Soll ich – oder besser nicht?

Klar sollst du, kommt die Antwort.

Die Autorin atmet auf, sie kann Respekt und Wohlwollen mit Händen greifen, selbst im virtuellen Raum. Doch dann, gleich hinterher, klar, da kommt sie, die Textkritik, ganz unverblümt:

Aber da muss noch einiges gearbeitet werden. Einverstanden, denkt die Autorin, hätte ja sonst niemand etwas davon, und gleich danach: Hoffentlich wird´s jetzt nicht allzu schlimm.

Lass den Samsa besser aus dem Spiel, sagt jemand.  Streichen, notiert sich die Autorin.   

Ich würde mich an deiner Stelle auf den Teil fokussieren, in dem die Bilder und die Sprache am interessantesten sind, wo es weh tut … – und wo man es vor sich sieht, das – was auch immer es ist… Ja, das gefällt mir, denkt die Autorin

Da ist ein Perspektivbruch, finde ich, seht ihr das? Ups, denkt die Autorin.

Der Sinn dieser Klammern erschließt sich mir nicht, die könnte man doch herausnehmen, meint ihr nicht? Was habe ich mir bloß bei diesen Klammern gedacht, denkt die Autorin.  

Nimm den Lesenden die Deutung besser nicht ab. Erklär ihnen nichts. Oje, denkt sich die Autorin und, mit einem innerlichen Aufstöhnen: Anfängerfehler!  

Möchtest du noch etwas über dieses Gegenüber sagen, das im Text angesprochen wird? Lieber nicht, denkt die Autorin und äußert sich ausweichend.   

Weißt du, diese beiden letzten Zeilen – dass irgendwie alles mit dem Schreiben zu tun hat, das hat man so oder so ähnlich schon tausendfach gehört. Ihr habt ja so recht, denkt die Autorin.

Kill your fucking darlings!, notiert sie sich. Und das fühlt sich am Ende verdammt gut an.

Die Zähmung der Schwalben

Meine Story: „Die Zähmung der Schwalben“ ist eben in der neuesten Ausgabe des Wiener Literaturmagazins DUM erschienen, die unter dem Motto „Pantoffel statt Pandemie“ dazu aufgerufen hatte, Prosa und Lyrik zum Thema „Neue Häuslichkeit“ einzusenden.

(Und wofür steht eigentlich DUM? Es ist Das Ultimative Magazin, was sonst?)

Die Zähmung der Schwalben erzählt von Quint. Einem Mann, der sich abschottet, niemanden mehr an sich heranlässt. Bis eines Tages diese Neue bei EssenZ anfängt, dem Lieferdienst, der ihm die Einkäufe bis vor die Tür bringt…

Quint hielt Ausschau, bis er sie weit über den Hügeln ausmachte. Erst kamen sie einzeln, dann flogen sie dichter, ritzten Linien ins Firmament, flüchtig bloß, eingebildet.

Er verlagerte das Gewicht, nahm weiter Schwung, half mit den Beinen nach. Mit jedem Ausschlag gewann das Schaukelpendel an Höhe, eroberte sich rostig jauchzend ein weiteres Stück des Sommerhimmels. Höher und höher flog er auf seinem Trapez. Unter ihm schwankte die Hecke hin und her wie eine feierliche Prozession grüngeschmückter Elefantenrücken. Er war Quint. Er war der König der Artisten. Er war der Dompteur der Schwalben.“