anke laufer

wort – bild – storytelling

Archiv für die Kategorie “Aktuelles”

Fluchtanreiz

Aus: Tierbedarf (unveröffentlicht)

Im Auffanglager machte Jojo Späße darüber, wie kurz geraten sie für ihr Alter war und Amrita zwinkerte ihr zu und sagte: „Dich kann man in die Hosentasche stecken und hat immer noch Platz für Lippenstift und Klappmesser.“ Aber die Futterkammer wäre selbst für einen Zwerg zu klein. Die Matratze ragt aus der Türöffnung und auch ihre Beine, wenn sie die ganz ausstreckt. Dennoch schläft sie lieber hier als in dem fensterlosen Raum, den der Mann sein Büro nennt. In der ersten Zeit nur deshalb, weil sie sich in der engen Kammer sicherer fühlte. Der Mann ist dick, also rechnete sie sich aus, dass es schwer für ihn wäre, drinnen an sie heran zu kommen, für den Fall, dass er einen Versuch machen würde. Jetzt ist sie einfach froh, den winzigen Raum für sich allein zu haben, wo sie in einer Holzkiste ein paar Sachen versteckt hält: Den Schlüssel, zu dem es kein Haus mehr gibt, Amritas blauen Kamm, dem fünf Zinken fehlen und den Turnschuh, der ihrem Bruder gehört hat und der ein paar Meter neben dem Boot angespült wurde. Nichts sonst, bloß der Schuh.

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Keine Literatur zum Einschlafen

Nicht ohne Stolz darf ich berichten, 2014 mit zum „Schwarzwälder Hausschatz“ zu gehören, der seit vielen Jahren „Historisches, Heimatkundliches, Unterhaltendes aus der und über die schwäbischalemannische Region“ versammelt. Unter dem Titel „Keine Literatur zum Einschlafen“  hat Michael J.H. Zimmermann hat ein engagiertes Porträt meiner Arbeit verfasst. Dabei beschränkte er sich nicht nur auf die Schriftstellerei, sondern erwies auch einigen meiner Fotografien die Ehre der Erstveröffentlichung. Dass der Schwarzwälder Hausschatz („Ein Kalender und Nachschlagebuch für Jedermann. Mit Mondkalender“) trotz seines auf den ersten Blick der Tradition verpflichteten Konzepts ganz und gar nicht verstaubt daherkommt, zeigt unter anderem die Auswahl dieser Bilder, die Industriebrachen und Streetart ebenso thematisieren wie zufällige und intime Einblicke in ansonsten in Seitenstraßen verborgenes Alltagsleben – hierzulande wie anderswo.

Aus dem Porträt:

„Stilsicher, einfühlsam, abgründig sind die meist düsteren Meistererzählungen einer guten Psychologin.“

„Magisch schlagen Laufers Geschichten mit Tiefgang und Unterhaltungswert den Leser in Bann…“

„Unverkennbar ist der Einfluss der lateinamerikanischen Literatur mit Autoren wie Jorge Luis Borges und Julio Florencio Cortázar und der angelsächsischen Erzähltradition. Verdankte die Autorin ihren schwarzen Humor nicht der im Schwäbischen geübten Beobachtungsgabe, möchte man ihn für eine Anleihe bei den Briten halten.“

„Mehrfaches Lesen der aspektereichen „short stories“ wird einen nicht reuen: Nie ist es langweilig, dieser Schriftstellerin auf die Schliche zu kommen…“

Michael J.H. Zimmermann: Keine Literatur zum Einschlafen. Porträt der preisgekrönten Schriftstellerin Anke Laufer aus Villingen. In:

Der „Schwarzwälder Hausschatz. Ein Kalender und Nachschlagebuch für Jedermann. Mit Mondkalender“ –  für 6,30 Euro plus Versand HIER zu beziehen

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Schreibworkshop international: Bösartige Schwäne, ein geheimnisvoller Koffer und eine abweisende Empfangsdame

Unter dem Titel „Sommerfrisch Schwerelos Schreiben“ leitete ich in diesem Jahr einen Schreibworkshop im Rahmen der internationalen Sommerakademie der Universität Tübingen. Dabei traf ich auf eine Gruppe fantasievoller Teilnehmer aus aller Welt.

Ihre Texte beinhalten unter anderem einer nachmittägliche Bootsfahrt auf dem Neckar, verbrecherische Schwäne, ein Angehöriger einer Sondereinheit auf vier Pfoten, eine junge Frau in Katzengestalt, ein geheimnisvoller Kofferinhalt, eine abweisende Empfangsdame und ein Pfarrer aus dem mittleren Osten – und das alles bei 32 Grad im Schatten.

Tübingen ist wirklich eine sehr seltsame Stadt.

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Die Räuber  – ein Märchen

von Tamara Brajovic, Montenegro

Es waren einmal drei Schwäne, die am Neckar wohnten. Sie bildeten eine Gang, vor der man sich in Acht nehmen musste und die vom ältesten Schwan angeführt wurde.

Alle anderen Schwäne und auch die Enten hatten Angst vor ihm. Sie hatten ihm sogar einen Spitznamen gegeben: Schwan-Schwein hieß er und liebte seine Macht.

Die Gang war eine Räuberbande, die alles, was sie fand aß und fraß. Sie glaubten daran, dass die Menschen böse und niedrige Lebewesen seien. Bei der Menschheit waren sie trotzdem als elegante, wunderschöne Märchenvögel bekannt. Darüber lachten die Räuber nachts sehr viel und schmiedeten Pläne, welche böse Tat sie am nächsten Tag verüben würden.

Eines Tages kam ein Hund nach Tübingen – ein Jäger, der natürliche Feind der Vögel. Er hatte die Schule für Jagdhunde regelmäßig besucht und hatte viele Belobigungen bekommen. Die Jagd war sein ganzes Leben und wo er zu Hause war, da wohnten auch Disziplin, Ruhe und Freiheit. Als Mitglied einer Sondereinheit konnte er auch die Vogelsprache.“

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Neckarfahrt von Beatriz del Pino, Spanien

„Endlich stiegen die vier Freunde in ein Boot und begannen ihre Fahrt. Zu beiden Seiten konnten sie die wunderschöne Aussicht genießen. Diese alten und wunderschönen Häuser, die hinter den Bäumen sichtbar wurden, waren alle unglaublich großartig. Es war heiß, aber daran hatten sie vorher gedacht, deswegen hatten sie eiskaltes Bier mitgebracht und auch noch etwas zu essen: Leckere kleine Brötchen mit Salami, Schinken und Käse und auch noch ein paar Brezeln. Es wurde ein wunderschöner Abend!“

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Katze und Koffer

von Dehbia Abouadaou, Algerien

Nach einem stressigen Tag wartete Helena wie gewöhnlich am Hauptbahnhof Tübingen auf ihren Bus und genoss die Musik eines Mannes, der neben ihr Ziehharmonika spielte. Nach einer Weile schlief sie vor Müdigkeit ein. Als sie erwachte hatte sie sich in eine Katze verwandelt. Sie war sehr schockiert, und sie wusste nicht, wie ihr geschah und was sie machen sollte.

Sie begann zu schreien um Hilfe zu bitten, aber niemand verstand sie, sie hörten nur ein Miauen. Auch der Mann, der direkt neben ihr stand, hatte nichts verstanden. Alle sagten „Oh, diese Katze ist sehr süß!“

Sie wollte weinen. „Bitte helfen sie mir, hören sie? Ich bin ein Mensch, ich bin keine Katze!“

Aber die Leute lachten und reagierten nicht. Nach einigen Minuten aber antwortete ein alter Mann: „Nicht so laut, ich werde ja taub!“  (…)

Dort wartete der alte Mann auf sie. “Was mache ich hier?“ fragte Helena.

„Geh jetzt zu deinem Zimmer und sieh nach, was in deinem Koffer ist“, sagte der alte Mann.

Helena ging die Treppe hinauf bis in ihr Zimmer. Der Koffer war offen, sie musste hinaufsteigen, um zu sehen, was sich da drinnen befand…

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Der Schwan 

von Angelika Trzybinska, Polen

„Ein Schwan war besonders schön. Er wirkte sehr stolz, schwamm hin- und her und suchte nach Futter. Ich beschloss, ihm einen Keks zu geben. Er fraß ihn sofort und wollte noch mehr. Aber ich hatte nichts mehr. Er näherte sich mir und verhielt sich dabei so, als ob er mich beißen wolle. Ich begann zu rennen. Im ersten Moment hatte ich wirklich große Angst vor ihm. Ich dachte: Dieser Schwan ist wirklich ein Räuber.

Ein Junge hatte die ganze Situation beobachtet und lief sofort zu mir. Er wollte nachsehen, ob mit mir alles in Ordnung war. Ich antwortete, dass alles OK sei. Er sagte mir, dass Schwäne sich sehr oft so benehmen. Zuerst wollen sie nur ein bisschen Futter, dann wissen sie nicht, wann sie aufhören sollen.

Später führten wir ein interessantes Gespräch. Er wohnte in Tübingen und erzählte mit viel über die Geschichte der Stadt und über Sitten und Bräuche, die hier bekannt sind. Obwohl ich meine Gruppe verpasst hatte, wurde das für mich ein echt toller Tag. “

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Tagebuch aus Tübingen

von  Ingrid Ippach, USA 

Ankunft in Tübingen

Mein erster Tag in Tübingen war sehr anstrengend. Nach einer 18 stündigen Reise kam ich endlich zu Hotel Hospiz an. Als ich mich bei der Rezeption meldete, sagte mir die Empfangsdame, dass die Check-In Zeit erst um 14 Uhr wäre, und dass ich noch vier weitere Stunden warten müsste bevor ich ein Hotel Zimmer bekommen würde. Noch vier Wartestunden!, dachte ich….und dazu in dieser Hitze! Es war bereits 32 Grad Celsius und nirgendwo – weder im Hotel noch im Eiscafe noch in einem Restaurant gab es eine Klimaanlage. Also ging ich sowohl in die Innenstadt als auch durch die kleinen Seitengassen spazieren. Nach einer Stunde setzte ich mich in ein Restaurant, bestellte mir eine Flasche Mineralwasser und fing an, das Mozart Libretto Cosi fan Tutti zu lesen.  (…)

Mein zweiter Tag in Tübingen

Als ich zur kleinen Neckarbrücke kam, knipste ich einige Fotos und sah sogar meine erste braune Schnecke, die dort herumkroch. Endlich kam ich zur römisch-katholischen Kirche. Da hörte ich schon beim Eingang den Gesang, öffnete ich die Tür, ging in die Kirche hinein und dachte: Egal, auch wenn ich Verspätung habe, kann ich noch die zweite Hälfte der Messe hören. So setzte ich mich ganz selbstsicher auf die Kirchenbank und fing an zu beten. Gerade in diesem Moment blickte der Pfarrer die Betenden eindringlich an und begann das letzte Gebet der Messe zu sprechen. Binnen zwei Minuten war die Acht-Uhr-Messe vorbei. (…) Zu meiner Überraschung hielt ein anderer Pfarrer die 11 Uhr Messe. Darüber hinaus wurde diese Messe von einem Herrn Dr. Abdul, einem Theologen aus dem mittleren Osten abgehalten…

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Die Teilnehmer des Workshops waren:

Ingrid Ippach (USA)

Beatriz del Pino (Spanien)

Denis Belyaev (Russland)

Menelaus Maria Fischer (USA)

Timea Töröcsik (Ungarn)

Laura Ebeling (USA)

Dehbia Abouadaou (Algerien)

Teresa Ayala (Spanien)

Tamara Brajovic (Montenegro)

Ibolya Janics (Ungarn)

Zafar Amirqulov (Usbekistan)

Marta Volpiana (Italien)

Angelika Trzybinska (Polen)

Internationale Sommerakademie 2013

P1040791Unter dem Titel „Sommerfrisch Schwerelos Schreiben“ leite ich in diesem Jahr einen Schreibworkshop im Rahmen der internationalen Sommerakademie der Universität Tübingen, die einen Teilbereich der internationalen Sommerkurse bildet. Neben der Literatur sind weitere Themenmodule der Akademie eine Einführung in das deutsche Rechtssystem, Wirtschaft und Gesellschaft, Interkulturelle Kommunikation, Theologie: Interreligiöser Dialog und zeitgenössische Philosophie.

Die Kurse für Studierende aus aller Welt sollen intensives Sprachtraining, das Erwerben von interkultureller Kompetenz und landeskundlichem Wissen und natürlich viel Spaß miteinander verbinden. Mein Workshop richtet sich an fortgeschrittene Deutsch-Lernende ab Niveau B2, die mehr Sicherheit im freien Schreiben bekommen möchten.

Textimpulse und eine Reihe meiner  Fotografien aus Tübingen liefern viele Anregungen für „spannende, romantische und völlig verrückte Geschichten“.  Anschließend werden erste Ideen auf einer gemeinsamen Text-/Bildplattform zusammengeworfen und aufgeschrieben. Wem nicht gleich etwas einfällt, dem helfen die anderen Teilnehmer beim Austausch auf die Sprünge.  Mal erfindet man die Biografie einer auf einem Foto entdeckten Person, mal schreibt man die Szene weiter, die ein anderer mit ein paar Sätzen skizziert hat.  Danach wird es Zeit geben, in Ruhe an der eigenen Story zu arbeiten.

Ich freue mich schon sehr auf die Teilnehmer und ihre Ideen  und Geschichten!

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Erbarmungslos gut: „Die Letzte macht das Licht aus“

Kürzlich ist im Schwäbischen Tagblatt (20.6.2013) eine schöne Rezension zur Krimianthologie „Die Letzte macht das Licht aus“  erschienen – der (so der Klappentext) „ultimativen Sammlung von kriminellen, unerhörten, humorvollen und auch tragischen Geschichten rund ums Älterwerden“. Auch das Tagblatt bestätigt, es handle sich „tatsächlich“ um „eine skurrile Mischung auf hohem Niveau“.

In der Rezension heißt es weiter:

„Anke Laufer, eine Meisterin der genauen Beobachtung und bildhaften Sprache, liefert mit „Strandköniginnen“  das beklemmende Vermächtnis zweier Zwillingsschwestern, die über die Demenz hinaus und bis in den Tod hinein ein grässliches Geheimnis mit sich tragen. Mit unglaublichem situativem Detailreichtum erzeugt die Autorin eine emotionale Dichte, die einen erschaudern lässt (…) Bitte nicht weitererzählen, möchte man der Erbarmungslosen zurufen. Aber bevor dies geschieht, ist der letzte Satz schon gelesen.“

„Die Letzte macht das Licht aus“ , Edition ViaTerra, Aarbergen, 2013.  280 Seiten,

Hrsg. Mechthild Zimmermann, Antje Fries

aktuell: eine weitere Veröffentlichung der Story „Strandköniginnen“ wird es im Oktober 2013 in der Schweizer Literaturzeitschrift entwürfe geben.

a.l.,2010

Die Zukunft des Schreibens III – Neue Horizonte

Zum ersten Teil dieser Artikelserie geht es hier

Zum zweiten Teil geht es hier.

Reales und Virtuelles

Alles wird sich verändern: Die Art, wie Bücher geschrieben werden, die äußere Form, die sie dabei annehmen, wie man sie entdeckt und über sie verhandelt, wie man sie vermarktet und verkauft und wie sie gelesen werden. Ja, schon, sagt man sich da als Autor, aber was heißt das nun für mich und meine Arbeit?

Am zweiten  Tag meines Besuchs bei der London Book Fair verirrte ich mich auf der Suche nach einem der Seminarräume in die oberen Gefilde des Earls Court Exhibition Centre. So kam es, dass ich ganz unbeabsichtigt in das weitläufige Labyrinth aus Tischen und Rollschränken vordrang,  welches sich dort ausbreitet: Das International Rights Centre, geprägt von einer Atmosphäre geheimnisumwitterter, gedämpfter Geschäftigkeit, erfüllt von einem Geruchsgemisch aus Kaffee, edlem Aftershave und einer leichten Chemienote, die wohl dem frisch verlegten, hellgrauen Teppichboden entströmte. Hier ist es also, sagte ich mir, wo die großen Autorennamen und die Bestseller von heute und morgen gehandelt werden.
P1040238 P1040240Eine gewisse Ehrfurcht vor dieser Institution, die ich bisher nur vom Hörensagen kannte, kroch mir, wie ich zugeben muss, das Rückrat hinauf – wie gerne hätte ich da gelauscht am einen oder anderen Tisch, vielleicht unerwartet mitgemischt, dabei einem wichtigen Agenten oder internationalen Großverlag ein, zwei allgemein unterschätzte Lieblingsautoren ans Herz gelegt… Weiterlesen…

Die Zukunft des Schreibens II – Die Unzufriedenheit der Autoren

Zum Teil I dieser Artikelserie geht es hier

Wie es eben nunmal ist mit brandneuen Eindrücken: Sie drohen zu verflachen, zu verblassen, sich gar in Rauch aufzulösen, wenn man sich zeitlich und räumlich von ihnen entfernt. Diesmal nicht: Seit meiner Rückkehr von der London Book Fair bin ich sehr ins Grübeln geraten über das Buchgeschäft – über das, was ist, aber vor allem über  das, was uns als Autoren bevorsteht. P1040323

Auch wenn  sich das, was in der Welt der Bücher im englischsprachigen Raum geschieht nicht 1:1 auf unsere Verhältnisse übertragen lässt, so zeichnen sich doch einige Trends ab, an denen wir wohl kaum vorbeikommen werden. Weiterlesen…

„Skorpione, indigoblau“ – Radioaufnahme zum Tag der Bücherverbrennung am 10.Mai

Am 10.Mai 2013 jährt sich die nationalsozialistische Bücherverbrennung zum 80sten Mal. In Stuttgart wird es dazu viele Aktionen geben.

Das Freie Radio für Stuttgart wird am 5.5. und am am  10.Mai einen Programmschwerpunkt zum Thema setzen. Dafür sind Autoren aufgerufen worden, Texte für die Sendungen zu lesen – ob aus damals verbrannten Büchern oder eigenen  Texten, die sich mit dem Thema Zensur und verfolgter Literatur beschäftigen. Das Schriftstellerhaus hat im Vorfeld seine Räumlichkeiten für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt.

Am Dienstag, dem 19.März habe ich im Schriftstellerhaus eine Erzählung aus „Die Irritation“ aufgenommen, die am 5.5. 2013 um 15.oo Uhr gesendet wird. Sendungsdetails unter: http://www.freies-radio.de/sendungsdetails/201305051500

Das Freie Radio Stuttgart ist auch per Internet als Livestream und über eine App auch mobil auf dem Smartphone zu empfangen. Hier der Link zum Empfang: http://www.freies-radio.de/empfang

„Skorpione, indigoblau“

In der Erzählung geht es um eine Schriftstellerin, die während des Aufenhalts in einem autoritär regierten Land das Werk eines vom Regime verfolgten Autors entdeckt. Ihre Identifkation mit dem inhaftierten Kollegen lässt sie nicht nur selbst ins Fadenkreuz der Behörden geraten, sondern führt sie auf einen Weg, auf dem sich Realität und Fiktion vermischen. Das Surreale bahnt sich unaufhaltsam seinen Weg in den weißen Bungalow, den sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem einheimischen Dienstmädchen Dora bewohnt, dem sie ausgerechnet anhand der verbotenen Bücher das Lesen beibringt.

„Das war, bevor ich Alvaro Grey entdeckte. Ich wusste damals nur sehr wenig über ihn, hatte nur gerüchteweise gehört, dass er eingesperrt worden war, nachdem er es gewagt hatte, diese eine, unerhörte Erzählung zu schreiben und zu veröffentlichen. Man hat seither alles versucht, den Text verschwinden zu lassen, ihn endgültig auszulöschen, aber er taucht immer wieder auf, kursiert in Form von Dateien, Flugblättern, es gibt sogar Leute, die ihn auswendig lernen und mündlich weitergeben. Was rede ich da, das wissen Sie natürlich. Aber haben Sie ihn gelesen? Nein, das haben Sie sicher nicht. Sie sollten es tun. (…)  Aber es sind nicht die Geschichten, verstehen Sie, das wirklich Einzigartige an Grey sind nicht sie, ist nicht einmal seine Furchtlosigkeit. Es ist diese Stimme. Es ist die Art, wie seine Worte sich auf der Buchseite in Bewegung setzen und sich die Sätze beim neuerlichen Lesen in etwas ganz anderes verwandeln. Wissen Sie, ich habe überall nach seinen Büchern gesucht. Ich habe jedes Antiquariat, jede Auslage der Straßenhändler, jeden Flohmarkt durchkämmt. Ich fand nur wenige Exemplare, aber einige hatte die Zensur bei den Säuberungen wohl übersehen.

(…)  Ich erinnere mich, wie Dora und ich an einem besonders heißen Nachmittag auf dem Bett hockten und sie, immer noch stockend, aus seiner Südpolnovelle vorlas. Alvaro Grey ist Zeit seines Lebens nie mit Kälte, Eis und Schnee in Berührung gekommen. Man hat ihm nie erlaubt, das Land zu verlassen. Also beschrieb er etwas ihm vollkommen Fremdes. Seine Worte waren kühn, kristallin, bis zum Bersten aufgeladen mit Bedeutsamkeit. Doras dunkle, heisere Stimme verband sich an diesem Tag mit Greys Sätzen zu einem eigenartigen, hypnotischen Zweiklang. Als Dora aus dem letzten Kapitel las, in dem der eisige Tod der Männer um Robert F.Scott beschrieben wird, ließ mich eine Bewegung am Rand meines Gesichtsfeldes aufschrecken. Ich blickte über den Bettrand auf den Fußboden hinab. Die Skorpione bildeten einen wogenden Teppich aus blauschimmernden Panzern. Ihre Schwänze zuckten angriffslustig. Sie waren sich nicht einig, weder über Satzstellungen, Einzelheiten, noch den Sinn des grausamen Endes. Sie kamen nicht an uns heran, stachen sich jedoch gegenseitig. Es war ein furchtbares Gemetzel.

Ich weiß noch wie Dora am Ende der Unterrichtsstunde einen Besen holte und die toten Exemplare wegkehrte. Als alles sauber war, streckte sie mir ihre Hand hin, half mir vom Bett herunter und wir gingen in die Küche, um Kaffee zu trinken.“

a.l., Bogotá, August 2011

a.l., Bogotá, August 2011

 

Neues über die LiteRatten

Eine ausführliche Reportage von Ulla Steuernagel über die Vorgehensweise der Textarbeit bei den P1030474LiteRatten, einer Tübinger/Reutlinger Autorengruppe, der ich seit 2006 als eines der Gründungsmitglieder angehöre, findet sich im Schwäbischen Tagblatt vom 6.März 2012 unter dem Titel:

„Die LiteRatten pflegen den kritischen Umgang“  Hier  findet sich der Artikel, der gegen eine kleine Gebühr von 0,15 Euro abgerufen werden kann.

Vorankündigung: Die Letzte macht das Licht aus

Die Letzte macht das Licht aus

Erscheint demnächst im Via Terra Verlag!

14,00 € (D) / 14,40 € (A)

ISBN: 9 783941 970052

Mord im Altenheim?
Intrigen im Seniorenbeirat?
Tödliche Eifersuchtsszenen bei den Silver
Surfers? – Aber klar!
Mord und Totschlag haben schließlich keine
Altersbegrenzung, sondern kommen umso
raffinierter daher, je später sie geschehen.
„Unsere Alten“ entwickeln die ausgefallensten
Ideen, um ihre Träume zu verwirklichen. Sie
zeigen viel kriminelle Energie, wenn es darum
geht, das Glück der späten Jahre zu erkämpfen.
Skrupellos beseitigen sie den einen oder
anderen Ehegatten oder Erbschleicher, der
ihnen im Weg steht.
Hier ist nun die ultimative Sammlung von
kriminellen, unerhörten, humorvollen
und auch tragischen Geschichten rund
ums Älterwerden.

Darin enthalten meine Story „Strandköniginnen“ um ein in die Jahre gekommenes Hotel und ein greises Zwillingspaar. Zwei Schwestern hüten ein Geheimnis, das sie am Ende alles kostet, was von ihrem Leben noch übrig ist…

Weiteres bald auf der Homepage des Via Terra Verlags unter: http://www.viaterra-verlag.de/

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