anke laufer

wort – bild – storytelling

Begegnung mit mörderischen Schwestern

Die ganze Unternehmung stand unter keinem guten Stern. Zwar schien erst alles geregelt, dann streikten die Lokführer. Ich hatte mir ausgemalt,  im Zug zu schreiben. Schreiben würde ich, den ganzen Weg, hin und zurück, vorbei an Stuttgart, Karlsruhe, Mannheim, Frankfurt undsoweiterundsofort. Manch einer soll  ja schon längere Erzählungen, vielleicht sogar einen Kurzroman, auf einer einzigen Zugfahrt fertiggestellt haben, redete ich mir ein.

Aber dann kam es doch ganz anders und ich musste mich hinters Steuer setzen.

Um die Sache interessant zu gestalten, hätte wenigstens das zu einem Abenteuer mit widerwärtigem Wetter und Staus von zwanzig Kilometer Länge führen müssen.  Aber nein, dramaturgisch gesehen war auch das ein totaler Reinfall: Um halb sechs losgefahren brach keine einzige der von den Medienpropheten angesagten Katastrophen auf Deutschlands Straßen über mich herein. Ganz im Gegenteil: Gegen halb neun brach die Sonne aus dem Nebel und ich hielt ein kleines Schläfchen auf einer Raststätte im Siegerland.

Ich sollte die mörderischen Schwestern in einem Hotel in Unna treffen, wo ihre diesjährige Hauptversammlung stattfand. Nun hatte ich selbstverständlich ein Hotel vor Augen, das dieser Vereinigung eine angemessene Kulisse bieten würde. Muffige Gerüche, Spinnweben. Solcher Kram. Zufall oder nicht: Genau so ein Hotel ist Teil einer der Geschichten, für die mir die mörderischen Schwestern in diesem Sommer ihr erstes Arbeitsstipendium zugesprochen hatten (der Anlass für diese Reise, nur ganz nebenbei bemerkt):

„Sehen Sie, mein verehrter imaginärer Leser, als Schriftsteller bemüht man sich im Leben wie im Schreiben vorzugsweise um einen gleichförmigen Takt, eine Symmetrie des Denkens und der Routine. Es ist nicht weiter wichtig, ob einschneidende oder gar verstörende Ereignisse die Taktschläge bilden, wichtig allein sind Gleichmäßigkeit und angemessene Pausen, die man mit Schreiben füllt. Dieses sehr altmodische Hotel scheint mir dafür außerordentlich gut geeignet. Verwinkelte, mit Rosentapeten ausstaffierte Zimmer, Flure, auf denen der Teppichboden von unzähligen Schritten fadenscheinig geworden ist, gemeinschaftliche Toiletten und Bäder auf jedem Stockwerk.“

Der Leser kann sich mein Entsetzen kaum ausmalen, als ich stattdessen mit einem lichten Vier-Sterne-Hotel am Rande der malerischen Altstadt von Unna konfrontiert wurde. Die Dusche in meinem Luxuszimmer mit weitem Ausblick über die Stadt imitierte einen tropischen Regenschauer und das Bett war so groß, dass ich mich dort mit mindestens drei James Bond-Darstellern hätte tummeln können (wenn meine Energie nach der Fahrt dafür ausgereicht hätte). Stattdessen fiel ich auf dieser Spielwiese nur in tiefen Schlaf. Bis es Zeit wurde, die anderen zu treffen.

Sie ahnen es schon – in einer zweiten der seinerzeit von mir eingereichten Geschichten ermordet passenderweise eine Schwester die andere:

„Am späten Nachmittag gehe ich wieder hinauf, um ihr einen Tee zu machen. Diesmal habe ich dreiundzwanzig Schlaftabletten aus den Blisterpackungen gedrückt – alle, die noch übrig sind – und mit der Kaffeemühle zermahlen. Als ich das Pulver in den Tee rühre, wird er milchig, grau und trübe.

„Ich bin´s, mein Schatz“, sage ich zu Thea und streiche ihr über den Kopf. „Keine Sorge, es ist alles in Ordnung. Es gibt Brathähnchen. Freust du dich? Willst du heute etwas von der Quarkcreme zum Nachtisch, die du so magst? Nein, ich kann dich nicht mit nach unten nehmen, das weißt du doch. Aber ich werde alle grüßen von dir.  Ja, auch die Kleine. Komm, spiel mit deinen Puppen. Den Teller mit den Keksen stelle ich hierhin, siehst du, die darfst du essen, damit dir die Zeit nicht zu lang wird. Jetzt trink deinen Tee.“

Sie trinkt in kleinen Schlucken. Nimmt sich einen Keks, beißt ab und lächelt zufrieden, während sie kaut. Erst als die Tasse fast leer ist, beginnt sich ihr Blick zu verschleiern.“

Auch solche Szenen kann ich nicht vermelden. Die Schwestern waren nicht so,  wie ich sie mir vorgestellt hatte. Ich glaube, nicht eine einzige war in düsterer oder gar mörderischer Stimmung. Viel enttäuschender: Es gab keinen einzigen (realen) Mord, nicht einmal einen Versuch, mir etwas ins (schmackhafte) Essen zu mischen. Daher erspare ich dem Leser die allesamt unspannend-erfreulichen Details der folgenden beiden Tage. Oder wird Ihnen etwa der kalte Schweiß ausbrechen, wenn ich von  einer grandiosen Ladys Crime Night im ebenso grandiosen Zentrum für Internationale Lichtkunst berichte? Vom entspannten Plaudern über alle möglichen verbrecherischen Pläne der renommierten Kolleginnen? Von der schönen und gar nicht verkrampften Feierstunde, bei der ich einen wagenradgroßen Blumenstrauß samt Urkunde überreicht bekam?

Sehen Sie! Lassen wir das lieber.

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