anke laufer

wort – bild – storytelling

Stelldichein der Schemen

a.l.,2010

“Wer ist Gruber?” fragt Nelly, als sie am nächsten Tag den Rollstuhl mit der alten Frau  vor sich her in den Wintergarten schiebt. Keine Antwort. Sie stellt den Rollstuhl an Ednas Lieblingsplatz und zieht für sich selbst einen der Korbstühle heran.

“Wer also ist Gruber?” fragt sie noch einmal.

Edna starrt durch sie hindurch. Nelly fragt sich einmal mehr, ob sie ihre Frage nicht verstanden hat oder nicht hören will.

“Da ist ein Dachreiter auf dem Haus”, sagt Edna plötzlich, “Ein Indianer. Er zielt mit Pfeil und Bogen auf das Meer hinaus.”

“Auf dem Dach des Hauses mit dem Namen Laterna Magica?”

Edna nickt. “Mein Bruder nennt ihn Winnetou.”

“Das Haus lag also am Meer?”

“Oh – ja, natürlich!” Edna hat etwas Wesentliches wiedergefunden. “Immer habe ich Sand zwischen den Zehen. Es sind unsere Ferien. Neunzehnhunderteinundzwanzig.”

“Und Gruber?”

Edna schlägt mit der flachen Hand auf die Armlehne des Rollstuhls. “Er lässt mich nicht in Ruhe”, sagt sie. “Er kann einfach keine Ruhe geben. So wie die Zwillinge. Genau wie die Zwillinge.”

“Waren die Zwillinge auch dort, in diesem Haus?”

Edna kneift die Augen zusammen.

“Die Zwillinge sitzen im Speisesaal am Nebentisch. Sie schmatzen. Sie furzen sogar. Ich habe mich beschwert.”

Edna isst jetzt allein zu Mittag, weil sie das so will. Ein Plastiktablett liegt vor ihr auf dem Tisch, darauf unterschiedlich geformte Schälchen. Das Plastikförmchen mit dem Fischfilet ist groß und rechteckig, das mit dem Brokkoli-Möhren-Gemüse klein und rund, das mit dem Reis quadratisch.

“Alles hübsch angerichtet”, bemerkt Nelly, aber Edna wirft dem Tablett einen abschätzigen Blick zu, greift dann nach dem nierenförmigen Puddingschälchen und dem Dessertlöffel. Der Pudding ist rosa und gelb, Erdbeere und Vanille. Edna isst langsam. Ihre Hand zittert. Vanillepudding bleibt ihr im Mundwinkel hängen. Nelly wendet den Blick ab, steht auf und sagt, sie werde sich einen Kaffee holen. Edna antwortet nicht.

Draußen, auf dem Flur, riecht es schwach nach Urin, Pfefferminzpastillen und Allesreiniger. Nelly lässt sich den Weg zum Kaffeeautomaten erklären, verläuft sich aber anschließend doch, weil jeder der Flure wie der andere aussieht. Schließlich findet sie den Automaten in einem dämmrigen Nebenraum, wo auch eine Voliere untergebracht ist. Kanarienvögel fliegen umher, picken Körner auf, wetzen die Schnäbel an den Sitzstangen. Zwei alte  Frauen, einander verblüffend ähnlich, sitzen dicht vor dem Gitter. Ein einzelner Vogel beginnt zu singen.

“Das ist Caruso. Dort oben, auf dem Ast, beim Pickstein.”

“Nein, du irrst dich. Das ist Pavarotti.”

“Unsinn! Ich werde doch unseren Caruso erkennen.”

“Ich sage dir, das ist nicht Caruso. Carusos Gesang ist viel eleganter.”

Die gleichen, dunkelblauen Strickkleider, derselbe Lippenstift, zwei karmesinrote Münder in den schlaffen, weißen Gesichtern. Das also sind sie, die Zwillinge, denkt Nelly.

“Guten Tag, meine Liebe”, sagt eine der beiden.

“Sie sind es also”, sagt die andere. “Die Schriftstellerin.”

Nelly nickt.

“Hat sie es Ihnen schon gesagt?”

“Was denn?”

“Wann Sie an der Reihe sind.”

“An der Reihe?”

“Man sagt, sie weiß, wer von uns als nächstes an der Reihe ist”, sagt eine der beiden.

“Oh, ja, das weiß sie, ganz gewiss”, fügt die andere eifrig hinzu, “Sie kennt sich aus mit den Toten.”a.l., 2009

Aus: Stelldichein der Schemen. Erzählung. Erscheint Ende April 2012 in: Anke Laufer: „Die Irritation“ worthandel : verlag, Dresden. Bereits vorbestellbar!

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