anke laufer

wort – bild – storytelling

Godzilla, Textkritik und falsche Freunde

Es ist so eine Sache mit Schreib- und Autorengruppen. Da sitzt ein Häufchen Schreibender zusammen, die sich über ihre Texte und Erfahrungen austauschen wollen. Hier eine deutliche Warnung für jeden, der sich einer solchen Gruppe anschließen will: Glaubt den Teilnehmern, aber vor allem euch selbst nicht, wenn ihr euch gegenseitig beteuert, dass es euch auf ehrliche Textkritik und schonungslose Offenheit ankommt. Nein, man kommt in die Gruppe, weil man in einem geschützten Raum Anerkennung und Lob ernten möchte. Das ist völlig verständlich. Saß man denn nicht wochen-, vielleicht monatelang über den Seiten, die man den anderen jetzt (mehr oder minder nervös) vorlegt?

Eine Freundin aus meiner Autorengruppe schrieb kürzlich über die leidvolle Erfahrung, einen gut durchgearbeiteten Text in die Gruppe zu tragen, die anschließend prompt „Konfetti daraus macht“. Wir haben sehr gelacht. Inzwischen können wir das. Inzwischen wissen wir, dass das eine zwar frustrierende, aber absolut notwendige Erfahrung ist. Wir vertrauen einander. Die Sache ist klar: Es gibt keinen Grund, etwas persönlich zu nehmen, obwohl unsere Texte das so ziemlich Persönlichste sind, was wir hervorbringen können. Selbst wenn sie sich thematisch um Dinge drehen, die mit unserem eigenen Leben wenig zu tun haben: Wir stecken eben bis zur Halskrause drin in dem, was wir schreiben. Auch eine Liebesgeschichte im alten Ägypten oder ein Actionthriller um Godzilla und intergalaktische Streitkräfte ist mit eigenem Herzblut geschrieben.

Sich der Kritik anderer auszusetzen erfordert viel mehr Mut, als wir glauben. Die (vielleicht unbewusste) Versuchung ist groß, Schreibseminare und -gruppen zu meiden, in denen die eigene Art zu schreiben nicht auf überschwängliche Zustimmung stößt. Aber ich bin davon überzeugt: Diesen Mut brauchen Autoren, die es ernst meinen mit dem Schreiben. So wie sie den Mut brauchen, sich Verlagsabsagen zu Dutzenden einzuhandeln und sich später anderen unbequemen Herausforderungen zu stellen, wie zum Beispiel öffentlichen Lesungen.

Denn was passiert wenn man beginnt, der unangenehmen Kritik eines Schreibwerkstättenleiters aus dem Weg zu gehen, in dem man einfach zu Hause bleibt? Was geschieht, wenn man die Anmerkungen der Kollegen aus der Autorengruppe als destruktiv abtut und ihren Ratschlägen keine Bedeutung zumisst? Ihr ahnt es schon: Man hört auf  zu lernen. Für einen Anfänger bedeutet dies, dass er scheitern muss. Für einen etablierten Autor heißt das: Stillstand. Aber was mindestens genauso traurig ist:  Man verliert die echten, weil ehrlichen Freunde. Schlimmer vielleicht noch: Wahrhaftigkeit hört auf, in der Auseinandersetzung mit sich selbst und den eigenen Texten eine Rolle zu spielen.

Möglicherweise schmerzt uns das gar nicht. Denn in diesem Moment stehen andere bereit und bieten uns einen mehr als angenehmen Ersatz:  Schreibwerkstättenleiter, die sich den Kreis ihrer Kundschaft erhalten oder ihn ausdehnen, indem sie jedem Teilnehmer genau die Dosis Kritik zumuten, die dessen Befindlichkeit entspricht und die angenommen werden kann, ohne dass sich derjenige einen Zentimeter weit von dem entfernen muss, was er bisher produziert hat. Autorenkreise, in denen keiner dem anderen je seine wahre Meinung mitteilen würde, und um die er auch übrigens gar nicht gebeten wird, weil man sich auf den Austausch gegenseitiger Gefälligkeiten konzentriert (verlinkst du deine Website, verlinke ich meine, bewirbst du mein Buch, bewerbe ich deins.)  Ihr braucht euch nicht groß anzustrengen. Sie werden euch ganz ungefragt mitteilen, dass alles genial ist, was ihr schreibt. Sie werden euch Auszeichnungen, Stipendien, einen renommierten Verlag und gute Verkaufszahlen versprechen. Ihr werdet glücklich sein.

Ein paar Tage lang.

Aber möglicherweise, ja höchstwahrscheinlich, ist da jenes kleine, hässliche Monster in einem der hintersten Winkel eurer Schriftstellerseele, das euch Zweifel einhaucht, die Wahrheit zuflüstert. Es sieht ein wenig aus wie Godzilla in eurer Geschichte, während es alles niedertrampelt. Ihr könnt das Biest nicht leiden, aber ihr kennt es gut und werdet es nicht los. Dieser Text ist schlecht, sagt Godzilla, und ganz und gar nicht das, was du schreiben wolltest. Im besten Fall gibt das Monster zu: Dieser Text ist ein roher Haufen aus vielversprechendem Material, aber du wirst noch viel daran arbeiten müssen.

Fang endlich an damit.

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Ein Gedanke zu „Godzilla, Textkritik und falsche Freunde

  1. Gut beschrieben was wohl alle, die schreiben, schon einmal erlebt haben: Man ist stolz etwas zu Papier gebracht zu haben und abhängig von dem „Wohlwollen“ der Anderen…. Es gibt so etwas wie konstruktive Kritik, die ich stets bevorzugt habe, vor allem bei Menschen, die mit dem Schreiben nicht so „sattelfest“ sind. Andererseits bringt es nichts, jemand zum Schreiben zu ermutigen, der absolut nicht schreiben kann.

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