anke laufer

wort – bild – storytelling

Erinnertes, Erfundenes, Geklautes…

Seit Jahren fange ich an keinem Tag an zu schreiben, ohne vorher nicht mindestens ein paar Seiten zu lesen und mir ein paar Sätze  zu notieren. Manchmal mache ich das, ohne auch nur das Geringste davon zu haben, manchmal fällt mir im Verlauf dieser zwanzig Minuten eine ganze Geschichte ein. Nicht immer sind die Sätze so schön wie diese hier:

„Als Díaz Grey es gleichmütig akzeptierte, dass er allein geblieben war, begann er das Spiel, sich in der einzigen Erinnerung wiederzuerkennen, die ihm bleiben wollte, wechselnd, schon ohne Datum. Er sah die Bilder der Erinnerung und sah sich selbst, wie er sie transportierte und korrigierte, um zu vermeiden, dass sie sterbe; wie er bei jedem Erwachen das Abgenützte reparierte, es mit raschen Erfindungen erhielt (…) Sein Leben und er selber waren schon nicht mehr als jene Erinnerung, die einzige, die es verdiente, heraufbeschworen und korrigiert zu werden, die es verdiente, dass ihr Sinn immer wieder verfälscht wurde.“

Juan Carlos Onetti: Das Haus in den Dünen

a.l.,2009

Manchmal sind Textstellen mit Widerhaken besetzt. Sie lassen einfach nicht mehr los. Da entzündet sich etwas, da beginnen neue Geschichten zu wuchern.  Onettis ursprüngliche Geschichte ist als Fortsetzung zu diesem Absatz möglich, aber auch eine ganz andere. Die Alternativen sind unendlich. Man muss sich nur hinsetzen und zu schreiben beginnen. Vielleicht so:

„Wiederum weiße Wände, das sonderbare, müde, pergamentartige Gelblichweiß, das die vorherrschende Nicht-Farbe des Hausinneren war. Die gleiche Farbgebung und Struktur wiesen, zumindest bei meiner ersten Wahrnehmung, die namenlosen Dinge auf, die überall aufgetürmt waren, der Müll aus Jahrzehnten – aus Jahrhunderten -, der in meinen Augen großen Bündeln leicht beschmutzter Wolken oder riesigen, getrockneten Klumpen von Pappmaché ähnelte.“

John Banville: Athena

Die aus den Büchern herausgelösten Sätze, Absätze, Bilder lassen sich immer auch als Neuanfänge begreifen. Sie geben ihr Geheimnis nicht preis, insofern man genau an dieser Stelle des Textes aufhört zu lesen, sich das Zitat notiert und weiterspinnt. Also: Bloß nicht weiterlesen, wenn man einen Geschichtenkeim gefunden hat! Lieber selber schreiben:

„Er blieb tief in Gedanken versunken. Es dauerte lange, bis er auf mein Winken aufmerksam wurde. Als er endlich zu mir hinsah, ergriff mich der Schwindel stärker als je zuvor. Während die Landschaft um mich her aus der Verankerung gerissen wurde, blieb sein Gesicht das ruhige Zentrum des sich immer schneller bewegenden Strudels. Er sah mich an, als habe er viel und sehr lange über mich nachgedacht, mich schrecklich vermisst und sehnsüchtig erwartet. Sein Blick ruhte auf mir wie eine Liebkosung. Ja, ich schwöre es Ihnen, es war genau in diesem Augenblick, da kam Wind auf. Ein starker, ein köstlicher Strom reiner Luft. Ich bin mir ganz sicher, man konnte den Schnee darin riechen und die herannahende Eiseskälte.“

Aus: Skorpione, indigoblau. Der Text erscheint im März 2012 in: Anke Laufer: Die Irritation. Erzählungen. Worthandel Verlag, Dresden.

a.l., 2009

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