anke laufer

wort – bild – storytelling

Neuerscheinung!

Der Saal unter dem Fluss

Eine ungenannte Stadt. Ein anonymes Regime. Eine Frau mit einem furchtbaren Auftrag.

In:

Uferbefestigung. Erzählungen junger Autoren.

„Uferbefestigung“ war das ungewöhnliche Thema der Ausschreibung zum Literaturförderpreis des Lions Club Hamburg-Moorweide in 2010. Fast 300 Texte wurden eingereicht. Eine sorgfältig gemachte Anthologie mit 12 ausgewählten Texten ist daraus entstanden, aufwändig illustriert mit Collagen des Künstlers Heinz Mohr.

Uferbefestigung  Anthologie des Förderpreises des Lions Club Hamburg-Moorweide. Peter Rathke-Verlag, Kiel, 2011

ISBN 978-3-9814304-9-3

Darin meine Short Story:

„Der Saal unter dem Fluss“

Eine ungenannte Stadt. Ein anonymes Regime. Eine Frau mit einem furchtbaren Auftrag.

„(…) Sie arbeitete lange, über die Bahren gebeugt, dann kniend neben den Toten, die am Boden lagen. Sie kämmte ihnen das Haar, zog den Männern Scheitellinien, flocht den jungen Mädchen ihre Zöpfe neu, steckte den Frauen die Flechten am Hinterkopf zusammen. Sie wusch ihnen die Gesichter und trug Make-up auf, mehrere Lagen, wo es Blutergüsse notwendig machten. Obwohl man ihr gesagt hatte, dass es nicht nötig war, ordnete sie ihnen die Kleider, faltete Hände und band Schnürsenkel, die sich im Kampf gelöst hatten.

Gegen Mittag brachte man sie in einen Nebenraum, wo eine Mahlzeit auf sie wartete. Von dem Essen rührte sie nichts an, doch sie trank Tee aus der bereitstehenden Thermoskanne, heiß, stark und sehr süß. Dann ging sie zurück und machte sich wieder an die Arbeit.

Die Kinder hatte sie bisher gemieden. Sie war ihren starren Augen ausgewichen, in denen immer noch der Schrecken stand. Jetzt fing sie mit dem kleinen Jungen an, der auf einer der vorderen Bahren neben seiner Mutter lag, vielleicht aber auch neben einer Fremden. Überrascht stellte sie fest, dass es ihr leichter fiel, als sie es sich vorgestellt hatte. Der Junge schien ihr bloß in einen kalten Schlummer gefallen zu sein, aus dem er bald erwachen würde, um wieder zu lachen und herumzuzappeln, um unmöglich stillhalten zu können, wenn ihm die Mutter den Kragen an seinem Kirchgangshemd zurechtzupfte. (…)“

Advertisements

Einzelbeitrag-Navigation

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: