Landleben

„Ha, Bauer, dass ich nicht lach! Bloß Silos, Förderbänder und fährt den ganzen Tag mit dem Gabelstapler auf dem Hof rum. Fabrikbesitzer sind das, der und die Frau. Die Rindviecher das ganze Jahr im Stall, Schwänze anbunden, den Kopf im Trog. Nicht wie der Leibsele und seine Karla früher. Krummgschafft hat die Karla sich. Jede Henne hat bei ihr einen Namen gehabt, einer schöner als der andere. Sind so schnell grau geworden, ihre schönen blonden Haar. Ein Unglück wars, dass sie hat keine Kinder kriegen können. Kein schönes Leben hab ich ihr gemacht, der Karla. Krank geworden ist sie am End und still. Aber wo sie die Rindviecher hat hergeben müssen, da hat sie Rotz und Wasser g´heult.“

(Leibseles letzter Sommer. In: Wege auf dem Land. Neue Geschichten und Gedichte aus Baden-Württemberg. Silberburg-Verlag, Tübingen, 2007)

Der Wiedergänger

Als ich ausstieg, erhob sich ein Taubenschwarm von den Dächern der beiden alten Lagerhäuser und schrieb ein luftiges Y in den honigfarbenen Morgenhimmel. Graffiti bedeckten alle erreichbaren Mauerflächen der Backsteinblöcke. In den Fensterhöhlen steckten die Reste eingeschlagener Scheiben wie schiefe Zähne.

Ich zögerte, zwängte mich aber dann doch durch das spaltbreit offenstehende Eingangstor und ging die Auffahrt hinauf. Den Wohnwagen sah ich erst, als es zum Umkehren zu spät war. Der Alleinunterhalter hatte mich gesehen. Er saß rauchend in der offenen Tür, die Füße auf einem Trittschemel.

„Morgen. Kaffee?“

Ich nickte.

„Brötchen dazu?“

Ich schüttelte den Kopf.

Während er drinnen war, sah ich mich um. Das Gelände neben dem Wohnwagen war von rostigen Bahngleisen durchfächert. Zwischen den Schwellen blühte Johanniskraut. Dahinter zitterte die Luft über der leeren, geteerten Fläche, die sich bis zum Rand der Auen erstreckte.

Tauben trippelten hoch über mir die Dachkanten entlang, ruckten mit den Köpfen und gurrten.

„Die warten.“ Er reichte mir eine dampfende Tasse.

„Worauf?“

Er zuckte mit den Schultern.

„Ich weiß nicht, wer das Kommando gibt. Sie fliegen plötzlich los. Wenn du morgens die Tür aufmachst und sie fliegen quer über das Asphaltfeld… Das ist klasse.“

Später nahm er mich in die Lagerhäuser mit und zeigte mir ihre Nester, armselige Haufen von Kot und Unrat auf Simsen, hinter alten Brettern und verschimmelten Kartonagen. Die Tauben flogen ein und aus ohne sich von uns stören zu lassen, haarscharf an den Bruchkanten des Fensterglases vorbei.

Die Küken waren mehr schlecht als recht von gelbem Flaum bedeckt, hatten zu große Schnäbel und schuppige Federstoppeln, die nach und nach durch die Haut brachen. Wenn sie in Erwartung des Futters die Schnäbel aufrissen, konnte man sehen, wie wild entschlossen sie waren, sich nichts entgehen zu lassen.

„Die scheißen alles zu. Außerdem sind sie voller Ungeziefer. Zecken. Federlinge. Milben.“

Ich mochte sie trotzdem.

Aus: Der Wiedergänger. Erzählung. In: Anke Laufer –  Die Irritation. Erscheint demnächst im worthandel : verlag, Dresden

Skorpione, indigoblau

a.l.,2011

Die Augen der Frau haben sich geweitet. Eine Haarsträhne fällt ihr ins Gesicht und sie schiebt sie mit einer brüsken Bewegung hinter ihr rechtes Ohr. Ihre Hand zittert dabei. Man kann eine eingerissene Stelle an ihrem Daumennagel erkennen.

„Also verlegte er unseren Wohnsitz hangaufwärts, in eines der wohlhabenden Außenviertel. Hohe Mauern, Wachpersonal, Hundegebell. Beste Wohnlage, siehst du, sagte er, eine Stange Geld jeden Monat, aber wenn du so zufriedener bist. Er lächelte und sagte: Sogar mit Garten, sieh mal, jetzt hast du einen Garten. Du könntest Blumen pflanzen, es dir richtig nett machen, Nachbarinnen einladen. Ja, sagte ich zu ihm, tatsächlich? Der Garten also. Weißt du eigentlich, dass es dort Skorpione gibt? Aber er, er schüttelte nur den Kopf. Nein, er hielt mich nicht für verrückt, er wollte nur, dass ich aufhörte, Schwierigkeiten zu machen. Tags darauf kam er nach Hause, in aufgeräumter Stimmung. Er hatte sich erkundigt. Liebling, es gibt keine Skorpione in diesem Teil des Landes, sagte er, nachweislich. Und schon gar keine blauen. Und ich sagte: Das ist typisch. Du lügst dir die Welt zurecht. Sie sind da, verstehst du, sie laufen auf der Terrasse herum. Tag für Tag. Wo sind sie, fragte er. Ich sagte: Sie kommen heraus, wenn ich allein bin, es muss ein Nest geben, da draußen, wahrscheinlich verstecken sie sich unter den Bodenplatten. Er glaubte mir nicht, natürlich nicht, warum auch. Also versuchte ich, sie auszusperren. Ich stopfte Tücher in die Belüftungsschlitze, schloss mich im Schlafzimmer ein und ließ die Jalousien herunter, lag auf dem Bett und schrieb. Ich schrieb irgendetwas. Nichts, auf das man hätte stolz sein können. Erst hörte er auf mit mir zu streiten, dann redete er gar nicht mehr mit mir. Er hat sich nicht einmal mehr aufgeregt, als meine Regel ausblieb. Er nahm es hin. Nein, bevor Sie fragen: Ich habe mich auch nicht gefreut.“

Aus: Skorpione, indigoblau. Erzählung.

Erscheint demnächst in: Die Irritation. worthandel : verlag, Dresden.

Bereits vorbestellbar – beim Verlag oder in jeder Buchhandlung, z.B.

http://www.amazon.de/Die-Irritation-Anke-Laufer/dp/3935259301/ref=sr_1_1?ie=UTF8&qid=1333088496&sr=8-1

Die Chronistin von Chateauroux

„…Wir hatten nun fast drei Wochen auf den Rücken unserer Pferde verbracht. Seit siebzehn Tagen ritten wir durch die lichten Wälder des Hochplateaus, dem das Küstenland seinen Quellenreichtum und seine Fruchtbarkeit verdankt. Ich erinnere mich genau daran, wie tief mich die Schönheit jener Landschaft beeindruckte. Zwischen den hochstämmigen Palmen wucherten neben mannigfachem Unterholz riesenhafte Farnkräuter und breitblätterige Helikonien, während von den Wipfeln buntblumige Lianen in malerischem Gewirr herabhingen. Ich musste während der Reise immer wieder an die Klimachroniken denken. Vor kaum hundert Jahren war hier oben noch Schnee gefallen und der dichte schwarze Pelz des Nadelwaldes hatte die Bergrücken bedeckt. 

Mein Name ist Moira Mongulu. Ich reiste im Jahre 2121 nach Chateauroux als Beauftragte für die Wiederbelebung vergessener Güter. Ich kam im Namen des zentralen Revolutionsrates. Meine Begleiter waren Leutnant Asper und eine zwanzigköpfige Truppe von Soldaten, frischgebackene Absolventen der Schule der institutionalisierten Spontaneität…“

Aus: „Die Chronistin von Chateauroux“   nachzulesen in:

Anke Laufer: Die Irritation. Erzählungen. worthandel : verlag, Dresden.

Erscheinungstermin April 2012

(bereits vorbestellbar)

Das Reisetagebuch – Erinnerungen kreativ bewahren

Der besondere Samstagskurs an der Volkhochschule Reutlingen mitten in der schönsten Reisezeit – zwischen den Oster- und den Pfingstferien!

Wie duftete es auf diesem Markt? Wie war es, das Gefühl, da oben auf dem Berggipfel? Was habe ich geträumt, damals, während dieses Schläfchens am Strand?

Ferientage sind nur scheinbar unvergesslich – zwischen Schnappschüssen geht vieles verloren. Aber  Fundstücke, Texte und Fotos lassen sich zu wunderbaren Erinnerungsbüchern verarbeiten. Welche Gestaltung und Form wir für diese Bücher wählen, bleibt ganz uns überlassen. In diesem Kurs gilt es, die eigene Form dafür zu finden und eine erste Planung in Angriff zu nehmen.

Dabei geht es nicht um das Spektakuläre, sondern darum, die ganz eigene, sehr persönliche Sicht auf das „Besichtigte“, auf Land und Leute zu entwickeln und zu sehen, welche Art des Schreibens sich dafür eignet – ob der witzige Fotokommentar, die rasch dahingeworfenen Zeilen am Caféhaustisch, die schlaglichtartige „2-Minuten-Impression“, oder der an ruhigen Abenden bei einem Glas Wein verfasste ausführliche Text, in dem man all das Erlebte, all die Sinneseindrücke und Begegnungen noch einmal Revue passieren lässt.

Häufig ergibt sich dann ganz von selbst ein Endprodukt: das später immer wieder durchblätterte Familienalbum, das intime und liebevoll gestaltete Buch, der Internet-Blog oder vielleicht sogar der veröffentlichungsreife Reisebericht.

Wir lesen Beispieltexte bekannter Autoren, kombinieren als Einstieg kleine Schreibübungen mit Fantasiereisen und planen Struktur und Gestaltung unserer Bücher.

Bitte mitbringen: Skizzen- /Notiz – /Tagebuch blanko unliniert, ab DIN A5 oder größer  – ganz nach eigenem Geschmack.

Anmeldung bei der Volkshochschule Reutlingen unter  Telefon 07121 336-0 oder per Online_Formular unter:

http://www.vhsrt.de/Fachbereiche/Kunst%2C+Kultur%2C+Kreativit%C3%A4t.html 

Lichtgestalten

fotos: a.l.,2009‘After all, there are no rules. With the wealth, skill, daring, vision of many centuries at one’s back, yet one is ultimately quite alone. For it is one’s ambition to create one’s own world in a style germane to its substance, and to people it with its native forms and denizens that never were before, yet have their roots in one’s experience. As the earth was thrown from the sun, so from the earth the artist must fling out into space, complete from pole to pole, his own world which, whatsoever form it takes, is the colour of the globe it flew from, as the world itself is coloured by the sun.’

Mervyn Peake

Erinnertes, Erfundenes, Geklautes…

Seit Jahren fange ich an keinem Tag an zu schreiben, ohne vorher nicht mindestens ein paar Seiten zu lesen und mir ein paar Sätze  zu notieren. Manchmal mache ich das, ohne auch nur das Geringste davon zu haben, manchmal fällt mir im Verlauf dieser zwanzig Minuten eine ganze Geschichte ein. Nicht immer sind die Sätze so schön wie diese hier:

„Als Díaz Grey es gleichmütig akzeptierte, dass er allein geblieben war, begann er das Spiel, sich in der einzigen Erinnerung wiederzuerkennen, die ihm bleiben wollte, wechselnd, schon ohne Datum. Er sah die Bilder der Erinnerung und sah sich selbst, wie er sie transportierte und korrigierte, um zu vermeiden, dass sie sterbe; wie er bei jedem Erwachen das Abgenützte reparierte, es mit raschen Erfindungen erhielt (…) Sein Leben und er selber waren schon nicht mehr als jene Erinnerung, die einzige, die es verdiente, heraufbeschworen und korrigiert zu werden, die es verdiente, dass ihr Sinn immer wieder verfälscht wurde.“

Juan Carlos Onetti: Das Haus in den Dünen

a.l.,2009

Weiterlesen „Erinnertes, Erfundenes, Geklautes…“