anke laufer

wort – bild – storytelling

Einmal Hawthornden Castle und zurück

K1024_P1100433 (2)Hawthornden Castle liegt ein paar Kilometer südlich von Edinburgh in einem von der Öffentlichkeit abgeschirmten Tal des Flusses Esk. Als „International Retreat for Writers“ beherbergt es in monatlichem Wechsel um die fünf für ein Stipendium ausgewählte Dichter und Schriftsteller, bekannt als die sogenannten „Hawthornden Fellows“.  All das – und viele andere Projekte weltweit – sind der großen Kunstmäzenin Drue Heinz zu verdanken.

Ich habe Schwierigkeiten mit diesem Beitrag. Obwohl ich jeden Arglosen, der den Fehler macht, mich nach meinem Schreibmonat auf Hawthornden Castle zu fragen, mit grenzenloser Begeisterung übersprudle. Schnell habe ich nämlich gemerkt, dass mein atemloses Hin- und Herspringen zwischen Bildern, Gesprächsfetzen und Geschichten nichts vermitteln kann von dem, was dort passiert ist, was wohl jedem Hawthornden Fellow widerfährt.

Meine in diesen Wochen liebgewonnenen Kollegen werden das sicher besser machen als ich: Die beiden Lyriker, Annemarie Ni Churreáin (Irland) und Matt Bryden (Großbritannien) und die Dramatikerin Carolyn Kras (USA). Sie werden ihre Eindrücke und Erfahrungen zu leuchtenden, vielschichtigen Zeilen, Metaphern, Szenen verdichten.

Mir, einer Geschichtenerzählerin, bleibt bloß die eigene Methode. Die Collage, das Sammelsurium. Also dann mal los.K1024_P1100044 (2)Fliegen wollte ich nicht, es stattdessen langsam angehen lassen. Mich unterwegs mit dem Reisetagebuch warmschreiben. Klar, zu Fuß wären die rund 3500 Kilometer hin und zurück dann doch zu viel gewesen. Aber mit dem Auto, das hatte ich mir ausgerechnet, wäre die Strecke in jeweils vier Tagen zu schaffen. Das würde mir Zeit geben, um die Haltepunkte willkürlich auszuwählen, Zufallsorte anzusteuern und andere, die mich aus mehr oder minder unerfindlichen Gründen interessierten. Aus touristischer Sicht erscheint das sicher als eine grandiose Fehlplanung, aber ich habe es nicht bereut. Dem Schreibenden springt beim Aufreißen so einer Wundertüte viel Hochinteressantes, Kurioses, Abwegiges entgegen.

Tatsächlich näherte ich mich nach vier Tagen meinem Ziel – nach einer Reise, die mich zunächst bis nach Calais und auf die Autofähre, dann von Folkestone quer durch  London und drunter hindurch (Blackwall Tunnel, bei möglichen klaustrophobischen Anwandlungen nicht zu empfehlen – ich spreche aus Erfahrung), nach East Anglia (wo beginnt das Wasser? wo ist fester Boden? – dazwischen jedenfalls Zugvögelschwärme), nach  North Yorkshire (ach, die Farben der Moors unter Wolkensegeln!)  und schließlich durch die wildromantischen Borderlands zwischen England und Schottland (Nebel, Schafe, schlängelnde Sraße, Nebel) geführt hatte. Zu diesem Zeitpunkt schwankte ich zwischen zwei Empfindungen: Der Vorfreude auf das, was mir bevorstand und dem Bedauern, mein Nomadendasein aufgeben zu müssen, an das ich mich eben zu gewöhnen begann. Doch zunächst stand ich vor einem anderen Problem: Hawthornden Castle war für mein Navi ein weißer Fleck  – das System wies mich aber gnädig darauf hin, dass ich der angesteuerten Postleitzahl recht nahe gekommen war. P1100061 (2)Ich fuhr zu einem nahegelegenen Pub. Ein paar freundliche Schotten wiesen mir den Weg, nicht ohne anzumerken, dass das Schloss in Privatbesitz sei und für die Öffentlichkeit unzugänglich. Etwas verschämt erklärte ich, dass man mich eingeladen habe, was man mit hochgezogenen Augenbrauen quittierte. Was für ein Glück (und Privileg) diese Einladung bedeutete wurde mir tatsächlich erst kurz darauf bewusst.

Das war, als ich wenig später (über eine unbeschriftete Sprechanlage) Einlass begehrte, die Torflügel feierlich (begleitet von einem diskreten Summton) aufschwangen und ich (nun gleichfalls mit der gebotenen Feierlichkeit) langsam den sich zum Schloss windenden Weg hinab fuhr – unter den alten Bäumen eines weitläufigen Märchenwalds hindurch, im schwindenden Licht dieses Winternachmittags – ich fühlte mich fehl am Platz, die falsche, zu plumpe Besetzung für einen Film mit überaus romantischem Setting und großen Gesten. K1024_P1100797 (2)Kein Wunder, dass ich mich an diesen ersten Abend wie an einen vorbeihuschenden Traum erinnere: Ich begegnete allem und allen zum ersten Mal – dem Schloss, den Büchern, kostbaren Bildern und Dingen darin und meinen Hawthornden Fellows Annemarie, Carolyn und Matt. Ich betrat zum ersten mal mein Zimmer, in dessen offenem Kamin der Wind heulte (nicht nur an diesem Abend, eigentlich immer) und von dessen Fenster man hinaus auf den Wald und den steil abfallenden Hang Richtung Fluss blickte. Ich durfte auch zum ersten Mal eine der exzellenten Mahlzeiten genießen, die Ruth Shannon für uns kochte. Und ich lernte unseren Zeremonienmeister Hamish Robinson kennen, dessen Funktion durch die Begriffe „Leiter“ „Verwalter“ oder „Geschäftsführer“ nur sehr unzureichend beschrieben wäre. Hamish, selbst Dichter, ist ein ganz außergewöhnlicher Gastgeber, der uns in den folgenden Wochen mit seinen wunderbaren Anekdoten und seinem großartigen Humor verzauberte.

K1024_P1100387 (2)Der Tagesablauf in Hawthornden ist denkbar einfach. Morgens zwischen acht und neun gibt es ein reichhaltiges Frühstück.  Wer will, darf anschließend den Wald auf langen Spaziergängen durchstreifen. In der Bibliothek sitzen. Ja sogar nach Edinburgh oder sonstwohin durchbrennen (doch in den allermeisten Fällen taten wir nur eins: Wir saßen in unseren Zimmern und arbeiteten). Gegen Mittag landet vor jeder Zimmertür ein Picknickkorb mit Suppe, Sandwiches und Obst. Um halb sieben treffen sich die Fellows im grünen Salon zu einem Glas Sherry  – bis zum Essen (und zum weiteren Gedankenaustausch) gerufen wird. Der spätere Abend ist die Zeit der Gespräche, des gegenseitigen Vorlesens, aber auch der weiteren Arbeit bis in die tiefe Nacht hinein.K1024_P1100383 (2) Schon mehrfach wurde das Schloss mit einem steinernen Schiff verglichen, auf dem die Gedanken und Manuskripte der dorthin eingeladenen Autoren dahinsegeln. Ja, dieses Gebäude, einst das Zuhause des schottischen Dichters William Drummond, wurde für uns ganz selbstverständlich zu einer magisch-magnetischen Heimstatt, nach der man sich immer ein wenig zurücksehnen wird. Die Empfindung einer tiefen Geborgenheit ist aber vor allem der Tatsache zu verdanken, dass man wohl selten in seinem erwachsenen Leben so gut umsorgt wird. Dies ist Hamish, Ruth, aber vor allem auch Mary und Georgina zu verdanken, den beiden Haushälterinnen.P1100093In dieser Atmosphäre geschehen seltsame Dinge. Das Schreiben wird zu einem leichtgängigen Prozess, der Schlaf ist tiefer, die Träume intensiver. Ein bockendes Manuskript lässt sich zähmen und striegeln, läuft am Ende punktgenau über die Ziellinie. Und als wäre das nicht Segen genug spitzen überall neugeborene Geschichten hervor, sie trippeln vorbei, lugen um Ecken, winden sich unter ausgetretenen Holzbohlen:  „…eine neue Spezies von Geschöpf, ein neues Exemplar aus dem Leben außerhalb deiner selbst“  (Ted Hughes). Das Reise- und Schreibjournal füllt sich mit den Abbildern dieser Geschöpfe und die Schriftstellerin legt geschäftig und überaus dankbar (zeitgleich mit den feisten grauen Eichhörnchen draußen) einen Vorrat für magere Zeiten an.

My heartfelt thanks go to Mrs. Drue Heinz and the Admissions Committee for giving me the opportunity to live and work for a month in this place of extraordinary beauty –  and to Hamish, Ruth, Mary and Georgina for their kindness and hospitality. And thank you, Fellows. Hope to see you again soon. K1024_P1100071 (3)

 

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