Mit Hammer und Spraydose für die englisch-deutsche Freundschaft (english version see below)

Hammerschläge schallen durch die Werkstätten des Arts Department am Cheshire College South & West: Eine Gruppe von Studentinnen Design+Kunst Akademie Reutlingen machen neben englischen Studierenden große Konservendosen platt. „Fühlt sich therapeutisch an“, sagt jemand – und alle kommen an den Schraubstöcken ganz schön ins Schwitzen. Die Anstrengung dient aber noch einem ganz anderen Zweck – doch dazu später mehr.

Kreativität und Ideen – unter Druck

Es ist der erste Besuchstag im Rahmen eines Kunstaustauschs zwischen den beiden Partnerstädten Ellesmere Port und Reutlingen. Beim Rundgang durch das College sind die Besucher gebührend beeindruckt von den gut ausgestatteten Werkstätten, Ateliers, Film- & Fotostudios. In den Klassenräumen findet sich die neueste Technik für Mediendesign und digitale Kunst – und dennoch gibt es bis zu einer Altersgrenze von 19 Jahren keine Studiengebühren. Klar wird aber auch schnell, welches Ausmaß an Ideenreichtum und Anstrengung hier nicht nur in der Lehre, sondern vor allem beim Fundraising aufgebracht wird, um den hohen Standard zu halten – und das mitten im englischen Norden, wo die sogenannte „Cost of Living Crisis“ (übersetzt in etwa: „Lebenshaltungskostenkrise“) überall deutlich spürbar ist.

Hochherrschaftlich und zwanglos

Untergebracht waren die kleine Gruppe deutscher Studentinnen und die beiden Dozentinnen der Reutlinger Design+Kunst Akademie in den ökologisch gestalteten Außengebäuden von Old Trafford Hall, einem denkmalgeschützten Herrenhaus, das heutzutage als Jugendherberge dient. Im Lloyds Bishops Palace, einem Fachwerkpalast aus der Tudorzeit im Zentrum von Chester, wurde die deutsche Gruppe dann später von ihren englischen Freunden mit selbst gekochtem Chilli sin Carne, Bier und Cider bewirtet.

Inklusiv und divers – ganz unangestrengt

Bunt, vielfältig und kreativ ging es am Samstag weiter, nun beim Africa Oye – einer Mischung aus Weltmusikfestival, Jahrmarkt und städtischem Familienpicknick – zwischen uralten Bäumen und auf grünem Rasen im berühmten Sefton Park von Liverpool. Das Publikum? Bei freiem Eintritt und strahlendem Sonnenschein tummelte sich hier buchstäblich jeder – von jung bis alt, mit und ohne Behinderung, aus allen Gesellschaftsschichten und ethnischen Gemeinschaften der Heimatstadt der Beatles – und feierte gemeinsam bis in den späten Abend hinein.  

Hier kamen dann auch die zuvor im College plattgedrückten und -gehämmerten Dosen zum Einsatz: Als Ausgangsmaterial für bunte Tin Faces im Rahmen eines Kinderworkshops.

Kunst machen, Freunde gewinnen, Netzwerke knüpfen!

Die deutschen Teilnehmerinnen waren jedoch nicht nur beim Festival in gemeinschaftsstiftende Kunstaktionen eingebunden. Diese Aktionen sind Ian Prewitt, seines Zeichens Herz und Seele des Kunstbereichs am College, seit jeher besonders wichtig. Auch Rachael Roberts, Mediendozentin und zweite Betreuerin des Projekts auf englischer Seite betonte, dass es bei den sogenannten Community Art Projects vor allem um eins gehe: Menschen zusammen zu bringen, an Kunst zu beteiligen und Freundschaftsnetzwerke aufzubauen.

Zwei weitere Workshops im Boat Museum von Ellesmere Port standen deshalb am letzten Tag des Besuchs unter einem ähnlichen Motto. Hier kreierte man in einem Street Art Projekt großformatige Arbeiten in multimedialer Technik zum Thema Schifffahrt und Wasserstraßen: Mal wurde durch Schablonen gesprayt, mal mit Pinsel, Filzstiften und Kreide nachgearbeitet. Auch bei dieser Gelegenheit kam es zwischen den dekart-Studierenden und dem interessierten Publikum zu zahlreichen Kontakten und Gesprächen. Bei einem weiteren gemeinsamen Abschiedsessen im alten Bishops Lloyds Palace stießen dann alle noch einmal miteinander an: Auf all das gemeinsam Erlebte und die deutsch-englische Freundschaft. 

Danke sagen!

Wir möchten uns gemeinsam bei den Organisatoren auf beiden Seiten herzlich bedanken: Bei der Stadt Reutlingen, der Stadt Ellesmere Port, der Ellesmere Port/Reutlingen Friendship Group, dem Cheshire College South & West und natürlich der dekart.

Unser besonderer Dank gilt all denjenigen, die unseren Aufenthalt vor Ort zu einem so wunderbaren Erlebnis gemacht haben: Zuallererst Ian Prewitt und Rachael Roberts, die das Programm auf die Beine gestellt und uns stets begleitet haben, Toni Cioma und Fritz Schäfer, die sich seit vielen Jahren beharrlich für dieses Projekt einsetzen, sowie alle anderen, die während dieser schönen Tage die sprichwörtliche Extrameile für uns gegangen sind und mit denen wir so viel Spaß hatten:  Ronnie (Ronito), Zara, Warren, Evie, Jenny und Jeff.  

Die diesjährigen Teilnehmerinnen des Kunstaustauschs waren Nilüfer Ates, Jenny Holder, Anna-Lena Kurz, Marilyn Schneider und Amelie Schneider sowie die beiden Dozentinnen der Design+Kunst Akademie Reutlingen Livia Scholz Breznay und Anke Laufer.

With hammer and spray can in favour of English-German friendship

Hammer blows resound through the workshops of the Arts Department at Cheshire College South & West: a group of Design+Kunst Akademie Reutlingen students are flattening large tin cans alongside English students. „It feels therapeutic,“ says someone – and everyone is sweating profusely at the vices. However, the effort serves a completely different purpose – but more on that later.

Creativity and ideas – under pressure

It is the first day of visits as part of an art exchange programme between the two twin towns of Ellesmere Port and Reutlingen. On the tour of the college, the visitors are duly impressed by the well-equipped workshops, art studios, film and photo studios. The latest technology for media design and digital art can be found in the classrooms – and yet there are no tuition fees up to the age of 19. However, it quickly becomes clear just how much ingenuity and effort is invested here, not only in teaching, but above all in fundraising, in order to maintain the high standard – and this in the middle of the English North, where the so-called „cost of living crisis“ is clearly noticeable everywhere.

Stately and informal

The small group of German students and the two lecturers from the Reutlingen Design+Art Academy were accommodated in the ecologically designed outbuildings of Old Trafford Hall, a listed manor house that now serves as a youth hostel. At Lloyds Bishops Palace, a magnificent half-timbered palace from the Tudor period in the centre of Chester, the German group was later entertained by their English friends with home-cooked chilli sin carne, beer and cider.

Inclusive and diverse – effortlessly 

The colourful, diverse and creative events continued on Saturday at Africa Oye – a mixture of world music festival, funfair and urban family picnic – between ancient trees and on green lawns in Liverpool’s famous Sefton Park. The audience? With free admission and bright sunshine, literally everyone – from young to old, with and without disabilities, from all walks of life and ethnic communities in the Beatles‘ hometown – came together to celebrate late into the evening. 

This is also where the cans that had previously been flattened and hammered at college were used: as the starting material for colourful tin faces as part of a children’s workshop.

Making art, making friends, socialising!

However, the German participants were not only involved in community-building art activities at the festival. These activities have always been particularly important to Ian Prewitt, the heart and soul of the art department at the college. Rachael Roberts, media lecturer and second supervisor of the project on the English side, also emphasised that the community art projects are primarily about one thing: Bringing people together, involving them in art and building friendship networks.

Therefore, two further workshops at the Boat Museum in Ellesmere Port had a similar theme on the final day of the visit. In a street art project, large-format works were being created using multimedia technology on the subject of shipping and waterways: At times they were sprayed using stencils, at other times reworked with brushes, felt-tip pens and chalk. This was yet another opportunity for the dekart students and the interested public to socialise and talk. At one last farewell dinner in the old Bishops Lloyds Palace, everyone clinked glasses and toasted each other yet again: To all the shared experiences and the English-German friendship.

To say a huge thank-you!

We would like to thank the organisers on both sides: the town of Reutlingen, the town of Ellesmere Port, the Ellesmere Port/Reutlingen Friendship Group, Cheshire College South & West and of course dekart.

Our special thanks go to all those who made our stay such a wonderful experience: First and foremost Ian Prewitt and Rachael Roberts, who set up the programme and accompanied us at all times, Toni Cioma and Fritz Schäfer, who have been persistently committed to this project for many years, and everyone else who went the proverbial extra mile on our behalf during these wonderful days (and with whom we had so much fun): Ronnie (Ronito), Zara, Warren, Evie, Jenny and Jeff. 

This year’s art exchange participants were Nilüfer Ates, Jenny Holder, Anna-Lena Kurz, Marilyn Schneider and Amelie Schneider as well as the two lecturers from the Design+Kunst Akademie Reutlingen Livia Scholz-Breznay and Anke Laufer.

The hall under the river/ Der Saal unter dem Fluss

Als mich der junge Filmemacher und Kameramann Johannes Pfau zum ersten Mal kontaktierte – das muss wohl etwas mehr als zehn Jahre her sein – hatte ich gerade meinen ersten Kurzgeschichtenband „Die Irritation“ veröffentlicht. Johannes war damals in der Ausbildung beim Bayerischen Rundfunk und fragte mich, ob er die Titelgeschichte des Buches verfilmen dürfe.

Natürlich war ich hellauf begeistert, auch, weil ich 2015 bei einem der Drehtage mit am Set sein durfte. Mein Bericht von damals und einige Szenenfotos sind HIER nachzulesen und zu sehen.

Inzwischen hat sich Johannes zusammen mit seiner Regiekollegin Melissa Budweg Duarte noch eine weitere meiner Geschichten als literarische Vorlage für einen Film vorgenommen, nämlich „Der Saal unter dem Fluss“:

Sie wusch ihnen die Gesichter und trug Make-up auf, mehrere Lagen, wo es die Blutergüsse notwendig machten. Obwohl man ihr gesagt hatte, dass es nicht nötig sei, ordnete sie ihnen die Kleider, faltete Hände und band Schnürsenkel, die sich im Kampf gelöst hatten.“

Beim Berlin Independent Film Festival, das im Rahmenprogramm der Berlinale läuft, wurde der Film „The hall under the river/Der Saal unter dem Fluss“ nun vor wenigen Tagen mit dem Preis Best Sci-Fi Short ausgezeichnet. Meine Gratulation geht an Johannes, Melissa, die Hauptdarstellerin Sarah Siri Lee König und das gesamte Filmteam. Ich freue mich riesig mit euch und bin sehr stolz, dass meine kleine Geschichte euch zu einem so großartigen Film inspiriert hat.

Mehr über Johannes´ vielfältige Arbeit finden Sie HIER. Mehr zum Film unter https://johannespfau.de/dersaalunterdemfluss/ Weitere Details zur Crew und Besetzung unter https://www.crew-united.com/de/Der-Saal-unter-dem-Fluss__257304.html

Was, verdammt, ist denn jetzt ´Pataphysik?

Einige unerhörte und unerwartete Veröffentlichungen

Manche Jahre sind besonders. Voller spezieller Erfahrungen. Der ganz neuen – grauenhaften wie wundersamen Art. Der steilen Höhen und Tiefen. Ebenso grell wie finster, schwindelerregend, kräftezehrend. Raus aus der Komfortzone, hinein ins Unbekannte. Wir hatten nun alle ein paar solcher Jahre. Wie viele hatte ich gehofft, 2023 würde ein etwas gewöhnlicheres Jahr werden, etwas langweilig, dafür aber auch etwas entspannter. Pustekuchen.

Das Gute daran ist: Auch in Sachen Veröffentlichungen haben sich Überraschungen ergeben. Was Pataphysik ist, ja, auch darauf komme ich noch, versprochen.

Die Hoffnung auf die Veröffentlichung meiner beiden Short Stories im an der Pennsylvania State University herausgegebenen Trafika Europe Literaturmagazin hatte ich trotz unterschriebenem Vertrag beinahe schon aufgegeben. Meine Freundin und Literaturübersetzerin Ruth Martin hatte die Texte dort eingereicht, wohin ich mich nie vorgewagt hätte, denn nach eigenem Bekunden veröffentlicht das vierteljährlich erscheinende Onlinemagazin nur „die beste Literatur Europas“ in englischer Übersetzung. Meine Vorfreude auf das Erscheinen von „The Island“ (als Erstveröffentlichung) und „The silver moth“ war daher groß. Doch dann geschah lange nichts. Erst ein Jahr später, im August 2023, erfuhr die Öffentlichkeit den Grund für den Stillstand. Auf der Seite von Trafika Europe wurde der Tod Andrew Singers, des Gründers und der Seele des Projekts, nach schwerer Krankheit bekannt gegeben. Erst im Spätsommer erschien dann eine Doppelausgabe des Magazins, das HIER zu durchblättern und zu lesen ist (und die meine beiden Texte dann doch noch enthält.)

Aus: The Island

Meine Story „Nicht-Sommer“, die ich zur Ausschreibung „Scooter“ des österreichischen Literaturmagazins DUM (Das ultimative Magazin) eingereicht hatte, hielt ich ebenfalls für vergessen, bis mir das Magazin vor ein paar Tagen ins Haus flatterte und ich sie darin abgedruckt fand.

Aus: Nicht-Sommer

(P.S. DUM enthält auch eine Porträtaufnahme von mir, die viel zu alt ist und ich daher viel zu jung aussehe, wenig überraschend. Ich hatte vergessen, dass DUM keine Zusagen verschickt und daher auch keine Updates in Sachen Autorenfotos und Kurzbiografien erhält.)

Und ja – was ist denn nun eigentlich ´Pataphysik? Vor 75 Jahren entstand mit dem Collège de ’Pataphysique in Paris ein Zuhause der Bewegung. Vielleicht sollte das Alfred Jarry, der Begründer der Pataphysik, das Ganze erklären: „La ´Pataphysique est la science des solutions imaginaires qui accorde symboliquement aux linéaments les propiétés des objets décrits par leur virtualité.“ („Die ´Pataphysik ist die Wissenschaft der imaginären Lösungen, welche die Denkskizzen symbolisch mit den Eigenheiten von Objekten, beschrieben durch ihre Möglichkeit, in Zusammenklang bringt.“)

Ist Ihnen jetzt alles klar? Nein? Ehrlich gesagt, mir auch nicht. Alles, was ich von ´Pataphysik weiß, ist eher eine Ahnung. Kein Wunder.

Véritable portrait de Monsieur Ubu nach einer Zeichnung von Alfred Jarry (1873-1907)

Irritation und Wunder sind hier sozusagen Programm. Dabei ist ´Pataphysik durchaus eine Wissenschaft – und das genaue Gegenteil davon. Es ist die absolute Herrschaft und Anarchie – der Fantasie nämlich. ´Pataphysik ist todernst und zum Totlachen. ´Pataphysik ist reine Absurdität. ´Pataphysik ist älter als Dada und Surrealismus und doch wäre beides nicht ohne Jarry und seinen König Ubu denkbar – Das 1896 uraufgeführte Drama wurde vom Surrealismus und Dadaismus gefeiert. Jarry, der sich im späteren Leben immer mehr mit seiner Figur identifizierte, signierte am Ende sogar mit Ubu.

Als ich meinen Texte „Notate zur versuchten Ausrottung der Sommersprossen“ bei der diesjährigen Ausschreibung der Zeitschrift der Wiener Schule für Dichtung einreichte, war ich nicht sicher, ob das, was ich da getan hatte, denn wirklich als ´Pataphysik zu bezeichnen ist. Doch ich hatte im Verlauf dieses speziellen Jahres in nicht ganz wissenschaftlich haltbaren Selbstversuchen erfahren, dass Surreales, Dadaistisches und nun auch ´Pataphysikalisches allen Nahrungsergänzungsmitteln und jeder Ratgeberliteratur überlegen sind. Und überhaupt, wie heißt es so treffend im Vorwort von Fritz Ostermayer?

„…und per definitionem seien zudem diejenigen die wahren pataphysiker:innen, die sich ihrer pataphysischen natur gar nicht bewusst wären.“

Na also.

Seascape – vom Schreiben am Klippenrand

Irgendwann im Oktober, kurz vor meinem Aufbruch zu dieser Reise, erschien sie mir auf einmal als ein größenwahnsinniges, unmögliches Vorhaben. Es galt durch so viele brennende Ringe zu springen, selbst nach der erfolgreichen Bewerbung für einen der unter Künstlern, Filmemachern, Komponisten und Schriftstellern so begehrten Aufenthalte im Böll Cottage auf Achill Island. Alles schien angesichts meiner Erschöpfung plötzlich zu groß, zu schwer, zu weit: eine emotionale und schriftstellerische Überforderung schien sich anzubahnen, wahrscheinlich sogar ein grandios-dramatisches Scheitern oder, womöglich, ganz und gar klägliches Aufgeben.

Tatsächlich hatte ich mir zusammen mit meinem alten Mini einiges vorgenommen, weit mehr als die besungenen 900 Meilen – nämlich 2500 – umgerechnet rund 4000 Kilometer. Unterwegs schwächelten wir zuweilen, mein Mini und ich, mal waren es Öl und Batterie, mal Einsamkeit und Selbstzweifel.

Groß und dramatisch war dann an dieser Reise einiges, aber nicht das Scheitern. Wir haben durchgehalten, der Mini und ich. Überwältigend waren sie beide, die Landschaften nah der stürmischen, winterlichen See, wenn auch so grundverschieden: Das vertraute und doch so geheimnisvolle Devon – voller Geschichten und Gedichte, voller Gespräche mit klugen Freunden, aber auch nächtlicher Irrfahrten in überfluteten, von uralten Hecken gesäumten Sträßchen. Und dann die wilde und wintereinsame Insel Achill im irischen Westen, der Sehnsuchtsort Heinrich Bölls. Hier hat sich dann auf seltsame Weise etwas in mir verschoben, wie sich die Fracht auf einem Boot in stürmischer See verschiebt und einen neuen Schwerpunkt findet. Hier füllten sich meine Notizbücher. Neue Texte entstanden, die mir jetzt ebenso unbezähmbar und unergründlich vorkommen wie die Insel selbst. Selbst zum Zeichnen und Malen bin ich hier nach langen Jahren zaghaft zurückgekehrt – wenn der Sturm nach einem langen Tag die Worte fortgeblasen hatte und es doch noch vieles zu sagen gab. Unbestreitbare Unbeholfenheit und die Angst vor dem Scheitern, all das muss keine Rolle mehr spielen unter jenen großen Himmeln, am Rand der ins Bodenlose abfallenden Klippen, unter dem Blick des purpurfarbenen Mount Slievemore, über den die Wolkenschatten fliegen. Denn wer sich klein und unbedeutend fühlt wie nie, der ist auch seltsam frei.

achill island, november 2023

My thanks to John McHue, John Smith, the Heinrich Boell Foundation, County Mayo and the Arts Council of Ireland. Thank you for letting me stay in this place of wonder and beauty for a little while.

I also want to thank my friends in Devon. Alan, for his generous hospitality, Moira, Owen & Lucie for cake and company and especially Matt Bryden, for his friendship, support and appreciation in difficult times.

„gernweh“ – neolith

Bis Ende Juli 2022 suchte die Redaktion von neolith, der ich seit der Entstehung des letzten Hefts zum Thema „Zuflucht“ angehöre, nach literarischen und künstlerischen Beiträgen zum Thema „gernweh“. neolith, das Magazin für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal, erscheint nun nach Monaten harter Arbeit. Ich selbst durfte darüber hinaus das Coverbild beitragen.

Am 15.Februar werden wir als Redaktion gemeinsam mit Autoren des letzten und des aktuellen Hefts und dem interessierten Publikum das Release von neolith#7 feiern. Das Erscheinungsfest findet ab 19:00 Uhr in den Quartierräumen des Wuppertaler Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums statt.

Verlust, Verfolgung, Grenzen, Sehnsucht: Veröffentlichungen im Januar 2023

Der Verlag Juno Editions hat in diesem Jahr eine Anthologie in englischer und deutscher Sprache herausgegeben, in der sich literarische Stimmen aus ganz Europa vereinen. „Connected Europe“ ist der Titel der Short Story Collection, in der mein Text „Emma und Eve“ nun zum zweiten Mal erscheint, der 2021 eine Auszeichnung der Akademie für das gesprochene Wort und des deutschen PEN-Zentrums erhalten hatte. In „Emma und Eve“ geht es um die Begegnung zwischen einer jungen und einer sehr viel älteren Frau, die sich während eines Lockdowns über zwei benachbarte Balkone hinweg anfreunden. Es geht um innere und äußere Grenzen, um Sehnsucht in Zeiten der Pandemie, um Vorurteile, um Liebe, um Erinnerungen, um Verluste und um neuen Mut.

Am Morgen fällt mein Blick als Erstes auf den sonnenbeschienenen Fleck neben dem Bett, wo das gebrauchte Kondom liegt, zusammengerollt wie ein zertretenes Weichtier.

Ich stehe auf, schlüpfe in den alten Bademantel und zurre den Gürtel fest, nehme das Ding mit spitzen Fingern hoch und trage es hinaus auf den Balkon, wo ich es in die Restmülltonne fallen lasse. 

Sie sollten vorsichtig sein, sagt eine Stimme ganz in der Nähe.

Ich schnappe nach Luft. Es ist meine Nachbarin. Der Kater sitzt diesmal zu ihren Füßen und schickt mir einen abschätzigen Blick.

Ich kann schon auf mich aufpassen. Aber danke, sage ich.

Meine mit dem Godesberger Literaturpreis ausgezeichnete Short Story „Klauber und die Füchsin“ wurde zuerst 2020 in der britischen Literaturzeitschrift Tigershark veröffentlicht – und seither mehrere Male. Die Erzählung über einen verschrobenen alten Mann, der einer jungen Frau Unterschlupf gewährt, die sich auf der Flucht vor den Schergen eines autoritären Regimes befindet, scheint derzeit verständlicherweise einen Nerv zu treffen. Im vergangenen Monat erschien die Story noch einmal in der Anthologie „Drahtseilakt“ sowie im Almanach „hier war ich, dort bin ich“ in der Reihe „Literaturblätter der Deutschen aus Russland“.        

„Sie wurden beobachtet. Sie haben ihr aufgelauert und sie ins Haus gelockt“, sagt der Ältere.

„Ich habe sie hereingebeten.“

„Warum?“

„Warum? Sie brauchte eine Freistatt. Ganz offensichtlich.“

„Was?“

„Einen Unterschlupf“, sage ich.

„Warum sagen Sie das dann nicht?“

„Freistatt ist das treffendere Wort“, sage ich und fasse ihn fest ins Auge.

Mit Worten machen es die Leute heutzutage wie mit Wölfen. Taucht eines auf, das sie nicht mögen, wird nach ihm geschossen.

foto: © anke laufer, 2022

Fort – von der Notwendigkeit aufzubrechen

Es ist Anfang August 2022. Die Welt dort draußen ächzt unter der nächsten Hitzewelle – einem Zeichen, das inzwischen jeder lesen kann, wie der Ich-Erzähler in meiner Short Story „Der silberne Falter“ wie nebenbei bemerkt. Die Pandemie scheint – zumindest für den Moment – in den Hintergrund unseres Alltags gerückt zu sein und wir freuen uns wieder auf das Reisen, so sehr es auch durch Staus, Lieferengpässe und abgesagte Flüge erschwert wird. Fort, bloß fort zieht es uns. Das Unterwegssein erscheint zugleich als Flucht und Belohnung. Wir werfen einen Blick über die Schulter zurück – und sehen zweieinhalb schwierige Jahre, welche die Welt verändert haben. Auf einmal ist uns bewusst, was wir verlieren könnten – und ziehen Bilanz über das, was wir bereits verloren haben. Die Erkenntnis, der wir uns womöglich verweigern, lautet: Stillstand ist keine Option. Schriftsteller*innen neigen vielleicht dazu, ihre Abenteuer im Kopf stattfinden zu lassen, Drahtseilakte auf die Fiktion zu beschränken – doch Aufbruch und Wagnis sind eine Notwendigkeit im Leben, selbst für Schriftsteller*innen mittleren Alters.

Die zwölf großen Gefühle

Es gibt einiges aufzuholen, was den Inhalt dieser Website angeht. Zum Beispiel wäre zu berichten gewesen, wie die virtuelle Preisverleihung im Literaturhaus Zürich am 4. Februar dieses Jahres verlief – eine logistische Meisterleistung, bei der alle zwölf Preisträger des Wettbewerbs „Die großen Zwölf“ (präsent auf einer riesigen Leinwand, von Zoom-Kacheln lächelnd) ihre Texte lasen und interviewt wurden – während kurioserweise das Publikum selbst live im Literaturhaus dabei sein durfte. Mit den „Großen Zwölf“ waren übrigens nicht die ausgezeichneten Autor*innen gemeint, sondern zwölf große Emotionen, welche die monatliche Themenstellung bestimmten: „Hoffnung“ war das Thema im Januar – dem Monat, in dem mein Text „Das Zeichen“ die Ausschreibung gewann – ein hoffnungsfroher Start ins literarische Jahr also.

Zuflucht

Ein paar Wochen erlebte ich den Aufwand, den die Organisation und die Aufzeichnung eines großen Online-Events bedeuten, dann auch aus der Sicht der Macher*innen mit. Seit der letzten Ausgabe der Literaturzeitschrift neolith (beheimatet an der Bergischen Universität Wuppertal) bin ich – Dank virtueller Meetings – Teil des Redaktionsteams. Am 27.Februar zeichneten wir unsere Online-Releaselesung mit allen an der aktuellen Ausgabe – neolith#6 zum Thema „Zuflucht“ – beteiligten Autor*innen auf, die ihr hier findet: https://www.youtube.com/watch?v=hirCZahD6uY.

Am 7. Mai gab es dann auch nochmal eine Live-Veranstaltung zum Erscheinen von neolith#6, organisiert vom Literaturhaus Wuppertal – bei dem die Macher*innen der Literaturzeitschriften neolith, Karussell und KLiteratur aufeinandertrafen und miteinander über ihre Arbeit ins Gespräch kamen.

Hoffnung. Trauer.

Die Ausgabe von neolith stand dieses Mal im Zeichen des Themas „Zuflucht“. Sie gewann in diesem Frühjahr mit dem russischen Überfall auf die Ukraine an unerwarteter Aktualität. Auch als ich im März mein kleines Gedicht „Paket“ für die Spendenanthologie #Antikriegslyrik des Berliner Trabantenverlags verfasste (nein, ich bin keine Lyrikerin, aber es war für einen guten Zweck) ahnte ich nicht, dass es mir im August noch einmal begegnen würde – nämlich im Rahmen einer Handreichung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge für die Gestaltung von Gottesdiensten zu Volkstrauertag.

Das literarische Vermächtnis eines russischen Studenten

Eine besondere Freude war es für mich, den diesjährigen Daniil Pashkoff Prize in der Sparte Prosa (over 19, obviously ;)) zu gewinnen.

In einer anderen Sprache zu schreiben, ist ein Aufbruch und ein Wildern im fremden Territorium. Da kann und muss vieles schiefgehen. Das Spiel mit Übersetzung und Bedeutung öffnet aber auch ungeahnte Möglichkeiten, besonders für die Schreibenden selbst. Die Frage und Ahnung, mit welcher (authentischen) Stimme man in einer anderen Sprache schreiben könnte, ist für Autor*innen wohl eine der spannendsten überhaupt.

Der Daniil Pashkoff Prize for Creative Writing in English by a Non-Native Speaker wird alle zwei Jahre für Texte in englischer Sprache verliehen, die von Nichtmuttersprachler*innen verfasst wurden. Benannt ist der Preis nach Daniil Pashkoff, dem ersten russischen Anglistikstudenten an der TU Braunschweig. Er brachte aus seiner Heimatstadt Novosibirsk eine ansteckende Leidenschaft für die englische Sprache und Literatur mit. Daniil verstarb unerwartet im Juli 1998 im Alter von nur 27 Jahren und hinterließ einen großen Freundeskreis, der um sein einzigartiges Talent trauerte. Aufgrund dessen entstand die Idee, einen Preis für kreatives Schreiben in englischer Sprache unter Nichtmuttersprachler*innen auszuloben.

Die festliche Verleihung der Preise fand in diesem Jahr am 11. Juni im alten Rathaus in Braunschweig statt.

Auf der Insel

Auch bei den sogenannten Bieler Gesprächen, die in diesem Jahr vom 2. bis 3. Juli wieder live und vor Ort im Schweizerischen Literaturinstitut in Biel stattfanden, ging es vor allem um Literatur, Sprache und Übersetzung – in diesem Falle zwischen Italienisch, Französisch und Deutsch. Ich war bei den Bieler Gesprächen mit einem Auszug aus meiner Story „Die Insel“ zu Gast, die in einem Forum von Autor*innen, Sprachwissenschaftler*innen und Übersetzer*innen diskutiert wurde – für mich eine unglaubliche Erfahrung. Einer solchen Runde entgeht keine Schwäche des Textes – während ein Lob aus ihrer Mitte eine köstliche Labsal für die (mehr oder minder) stets zweifelnde Schriftsteller*innenseele darstellt.

Vielleicht entdeckst du sie deshalb, die Insel. Dieses von allem abgeschnittene Territorium, herausgesäbelt aus den Gefilden tief unter dir, inmitten der mehrspurigen Schleifen, der sichelförmigen Zu- und Abfahrten, jenseits eines Bahndamms, diesseits eines Stausees, in südöstlicher Richtung verjüngt zu einer Zunge, die sich unter die Brücke schiebt. Eine Insel, ganz eindeutig: Ausmaße, Morphologie, Baumbestand, Zeit- und Erdschichten, halb versunkene Festungswälle von Großbaustellen, denen kleinere Eingriffe folgten, wieder vernarbten, während sich der Verlauf der Fahrbahnen um neue Grate und Verwerfungen erweiterte. Doch im Zentrum überlebte die Insel, ein Eiland von beachtlicher Größe im Meer der menschengemachten Ödnis – schattig, einsam, üppig. Wild.“

„Die Insel“ erscheint demnächst in englischer Übersetzung im vierteljährlich erscheinenden Journal
Trafika Europe der Penn State University, New York.

Umbruch. Aufbruch.

Für mich ist es eine seltsame Zeit, dieser Sommer 2022. Umbrüche liegen hinter mir – unter anderem zwei Covid-Erkrankungen, die ohne vollen Impfschutz wohl weit weniger glimpflich verlaufen wären. Es ist eine Zeit des Innehaltens, kurz vor dem Aufbruch.

Den größten Teil des Herbstes werde ich für einen Schreib- und Rechercheaufenthalt in den englischen Grafschaften Devon und Somerset nutzen – gesplittet zwischen einem Cottage an der Südküste, einer sogenannten Sheperd Hut im Herzen der Blackdown Hills und dem Artist Retreat Awakenings at Wick.

Arbeiten werde ich am Abschluss eines Projekts mit dem Arbeitstitel „Phantomgrenzen“, einer Art surrealem Roadmovie im Europa der Zukunft, in dem sich Geschichten um unterschiedliche Figuren verzweigen und neu verflechten.

Zudem werden Illustrationen und Texte für ein gemeinsames Projekt mit dem englischen Lyriker Matt Bryden entstehen – ein Aufbruch in die lange vernachlässigten Gefilde von Zeichenstift und Farbe, noch ein Wagnis also – das Risiko einer Blamage inbegriffen.

Doch was gibt es dabei denn wirklich zu verlieren – außer der Hoffnung?

#ANTIKRIEGSLYRIK

Bereits seit den ersten Tagen des russischen Krieges gegen die Ukraine sammelt der junge Berliner Trabantenverlag auf seinem Instagramkanal @antikriegslyrik Gedichte gegen den Krieg. Ich selbst bin dem Verlag als Autorin bereits über den Erzählungsband „Ich verspreche dir einen schönen Sommer“ verbunden, in dem 2021 meine Erzählung „Die Geister von Margate“ erschien.

Der Trabantenverlag, der für sein gesellschaftliches und politisches Engagement ebenso schnell bekannt wurde wie für sein exzellentes literarisches Programm, hat die Sache auch in diesem Fall nicht auf dem bloßen Sammeln von Antikriegsgedichten beruhen lassen. In diesen Tagen geht ein Lyrikband in Druck, welcher Anfang Mai erscheinen wird und eine Auswahl der eingesandten Gedichte enthält, unter anderem auch mein Gedicht „Das Paket“. Das Buch ist bereits HIER vorbestellbar.

Bundesweit dezentral stattfindende Lesungen aus #Antikriegslyrik sollen sich bald zu einem besonderen Antikriegsprojekt ausweiten. Dafür suchen wir, mehrere beteiligte Autor*innen aus Baden-Württemberg, Lesungsorte in Tübingen, Freiburg und weiteren Städten im Ländle. Wir wollen dabei nicht nur unsere Gedichte und die unserer Kolleg*innen zu Gehör bringen, sondern auch möglichst viele Spenden zur Unterstützung der Ukraine sammeln. Wenn Sie sich vorstellen können, in ihrer Buchhandlung/Bibliothek/Café etc. eine solche Lesung zu veranstalten und damit das Projekt zu unterstützen, dann melden Sie sich bitte möglichst schnell bei mir!

Matinee zum Bonner Literaturpreis

Die Redaktion des „Dichtungsring e.V.“ lobte dieses Jahr wieder den „Bonner Literaturpreis“ aus, der mit 1000€ für den ersten Platz dotiert ist. Zudem feiern die Redaktion und die Zeitschrift ihr 40jähriges Jubiläum. Die Einsendungen wurden von den Herausgebern Sigune Schnabel, Werner Pelzer und Susanne Schmincke gesichtet. Die besten Einreichungen davon wertete eine externe Jury anonymisiert aus, um die Preisträger*innen zu finden.

Der erste Preis geht an Monika Littau, ich selbst darf mich, neben Daniel Mylow, über einen zweiten Preis freuen.

Bei der öffentlichen Veranstaltung am Sonntagmorgen, dem 7.11.2021 im Kurfürstlichen Gartenhaus gelten die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz vor COVID-19.