Wie viele Meilen unter dem Meer

stellt euch vor,

 ihr Piraten und Besatzer des Yellow Submarine

nicht weit vom heißen Beutestrand, jenseits der Korallengärten, 

lasst ihr euer Gefährt zurück am Rand der Unterwasserklippe.

Stellt euch vor

Ihr lasst euch fallen, wo

Lichtsprenkel und Funken rasch verlöschen

© illustrationen: anke laufer, 2022

irgendwo bei den Marianen, Süd-Sandwich,

Puerto Rico oder Sunda,

wo das Kliff ins Bodenlose stürzt,

über die Bruchkante in den Graben

abwärts

zwischen Land und kalter Tiefe. 

stellt euch vor, wie eure Lungen schwinden,

ihr zu Kiemen und Flossenwesen werdet,

stellt sie euch vor,

eure schuppigen Leiber aus uralten Mythen,

euer silbriges Blitzen im schwindenden Licht,

euren Unterwasserflug an Balkonen, Simsen

vorbei

an seitwärtigen Tälern, Nischen, Unterwasserauen,

dann weiter hinab ins Nichts

lasst euch selbst los im Sog

vergesst euch selbst im Mahlstrom,

lasst euch hinabreißen

in die Kellergeschosse und zerklüfteten Unterwelten,

wo Drifte und Strömungen an euch zerren, wo Plankton vorbeirast

wie Schnee am nächtlichen Autofenster –

dann auf einmal wird es still

öffnet die Augen. Dort,

wo eine Tiefseequappe sich dreht und windet im stillen Tanz

wo Kragenhaie auf Raubzug gehen, mächtige Krebstiere mit Scherenhänden winken,

wo Kopffüßler über uns hinwegschießen wie fahle Pfeile

wo Rippenquallen schillern und wie von selbst verlöschen

wo Perlboote aufsteigen und sacht über uns hinwegtorkeln

wo Seelilien die Anker ihrer Wiesen lichten, um anderswo Beute aus der Strömung zu fischen

wo Milliarden winziger Lebenssterne im Reich der Finsternis glimmen

wo ein Riesenkalmar, eben einem Seefahrermärchen entstiegen, im freien Wasser schwebt und uns beäugt  –

Dort drüben jedoch

in jenen Spalten zwischen Felsknollen, in jenen steinernen Tunneln und Augenhöhlen verpasst ihr jetzt, genau jetzt,

die Begegnung mit drei unbekannten Arten während

eine Plastiktüte euch ablenkt, die über den Abhang dümpelt

all die Wesen, kaum erblickt oder nie entdeckt,

keinem nutzt der stachelige Trotz, keinem die Fangzähne

preisgegeben sind sie

wo der menschliche Beutegreifer sich tummelt 

da wirbelt eine Wolke vor euch auf

keine Tränen trüben die Sicht,

nur Schlick, oder vielleicht

ein flimmernder Schleier aus Krebstierchen

eine kleine Weile

bis der letzte Vorhang sich hebt

und ihr glaubt, am einsamsten Ort der Welt angekommen zu sein

wo ein schwarzer Raucher

wie eine dunkle Märchenfabrik aus der Tiefe wächst

es kochend heiß aus allen Kaminen quillt

der Zyklus sich wendet – 

Legionen grauer Garnelen wimmeln und drängeln

Etwas tüpfelt und krabbelt geschäftig um die Schlote

Seegurken kreiseln wie eine Flotte praller Zeppeline,

Scharen von Schleimaalen putzen das Aas vom Boden

während es herabregnet, auf sie alle, unaufhörlich

Kot, Glibber und Knochen

Fasern, Plastik, Pflanzenteile

Gräten und Teer,

all das fängt die Tiefe auf

mit tausendundein nachtsamtenen Mäulern

schluckt Nahrung und Gift

und macht es neu

all das Leben

Wie viele Meilen unter dem Meer ist ein Text, den ich zum Jahresbeginn 2023 für eine multimediale Kunstaktion von XR/ extinction rebellion Stuttgart verfasst habe, in der es um die Bedrohung der Tiefsee durch die bevorstehende Freigabe des Meeresbodens für den Bergbau geht. Viele, auch bisher unbekannte Arten, werden dabei wohl ausgelöscht werden. Beim Abtragen des Meeresbodens mit Hilfe schwerer Maschinen werden womöglich auch dort lagernde natürliche Kohlenstoffspeicher zerstört – mit unabsehbaren Folgen für die sich verschärfende Klimakrise. Für mehr Informationen siehe https://rebellion.global/

https://www.greenpeace.de/biodiversitaet/meere/meeresschutz/tiefsee-gefahr

Mein surreales Jahr

Kurz darauf bringt der Mann den Seehund ins Haus, der fortan nachts zwischen ihnen liegt. Lisbeth liegt auf dem Rücken und lauscht. Sie hört, wie das Fell des Seehunds über die Haut des Mannes schabt, sie hört, wie ihm der Leib des Seehunds zwischen den Fingern knistert. 

Aus: Lisbeth springt

Zum Ausklang des Jahres 2022 erkundete ich mit meiner Kollegin Livia Scholz-Breznay und unseren Studierenden an der dekart, der Design + Kunst Akademie Reutlingen, zum wiederholten Mal die künstlerischen Dimensionen des Dadaismus. Zum Auftakt des Jahres 2023 wandten wir uns gemeinsam dem Surrealismus zu. Wie schon innerhalb des Dadaismus, so erkennt man auch ein surrealistisches Kunstwerk nicht an Stil und Pinselstrich. Man kann ein Pissoir ausstellen und es zum Kunstwerk erklären wie Marcel Duchamp (einfach, weil es einem gefällt!). Man kann eine Tasse mit Pelz überziehen wie Meret Oppenheim, oder eine Menagerie seltsamer und doch vertrauter Geisterwesen erfinden, sie malen und über sie erzählen, wie Leonora Carrington. Sofort wird klar: Sowohl beim Dadaismus wie beim Surrealismus handelt es sich um nicht weniger als eine Revolution, ein sich Aufbäumen gegen Konvention und Autorität, ein Sprengen innerer Fesseln und äußerlicher Grenzen – eine Geisteshaltung also, die sich der Loslösung und der Freiheit verschrieben hat, einer inneren Freiheit der Vorstellungskraft, die weit jenseits von allem liegt, was mit Konsum und Globetrotterromantik zu erkaufen ist.

Inspirationen gewann der Surrealismus vor allem aus der Beschäftigung mit dem Unbewussten, dem Absurden und Fantastischen und den Träumen. Damit findet diese Kunstbewegung zu Bildern, die Unsagbares, Unbeschreibliches zu fassen vermögen, den Subtext, den wir manchmal als einen kalten Schauer im Rücken spüren, das Gespenst einer Möglichkeit, einer Emotion, der wir bisher aus dem Weg gegangen sind und die uns sacht mit einer Fingerspitze berührt.

Jorge Luis Borges, einer der Meister des literarischen Surrealismus, hat das Leben einst als einen Garten der verzweigenden Pfade beschrieben, aber vielleicht meinte er auch nur das Buch, die Literatur, das Geschichtenerzählen. Ein entstehendes Buch als einen Irrgarten zu beschreiben, ist also nicht wirklich etwas Neues, und es bringt noch nicht einmal neue Einsichten in die tägliche Arbeit, die einer beunruhigten und von ganz reellen Sorgen geplagten Schriftstellerin von Nutzen sein könnten. Mit dem Leben ist es ganz genau so: Hinter jeder verpassten Abzweigung liegt eine verworfene Alternative zu dem Leben, das man tatsächlich geführt hat. Glücksgefühle, Katastrophen, Ungewissheit, Erfüllung – Schicht um Schicht.

© anke laufer, 2021

Die weißen Zehen versinken im sumpfigen Grund, Gräser peitschen Striemen in ihre Haut. Sie stützt sich auf den Spaten und schaut hinab ins goldbraune Wasser.

Flohkrebse schießen, Molche dümpeln. Sie bückt sich nach einem Blinken. Lisbeth reibt den Dreck von Kopf und Zahl und steckt eine Münze in die Schürzentasche. Dann tut sie dasselbe ein zweites, ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal. Der Schlamm ist voll glänzender Sterntaler, die sie blankreiben muss. Ein Auskommen. 

Lisbeth bürstet sich vor dem blinden Spiegel die Nässe aus dem Haar.

Aus: Lisbeth springt

Borges war von einer Reihe von Metaphern und Symbolen besessen. Dazu gehören sein Sandbuch, Labyrinthe, Archive und auch Spiegel. Eigenbeobachtung, zersplitternde Spiegelbilder und Identitäten, Selbstbefragung und Verwandlung: all das und vieles mehr steckt in und hinter den Spiegeln.

Seit ziemlich genau einem Jahr entwickle ich tastend, schreibend ein Gespür dafür, welch mächtiges Instrument jenes künstlerisch-subversive Träumen bei der Bewältigung innerer und äußerer Krisen sein kann, während ich – wie es das Schicksal zuweilen will – mit eigenen Dämonen zu kämpfen habe. Nicht von ungefähr entstand der Surrealismus in einer von Krisen und Verwerfungen geschüttelten Epoche, die unserer Zeit in vieler Hinsicht gleicht. Leonora Carrington verarbeitete in Gemälden und Erzählungen ihren psychischen Zusammenbruch nach der Trennung von Max Ernst in der Folge von dessen Verfolgung und zweifacher Verhaftung. Betrachtet man ihr Gemälde Down Below von 1940, in dem sie ihre alptraumhafte Zeit in einer spanischen Nervenheilanstalt in dunkle Visionen fasst, so wird klar: je mehr Freiheit man der Entfaltung innerer Bilder gewährt, je absurder und befremdlicher diese Bilder zunächst erscheinen mögen, desto mehr treffen sie den Kern einer inneren und in vielen Facetten schillernden Wahrheit.

© anke laufer 2022

Die Vögel rucken mit den Köpfen, beäugen sie, drei, acht und neun, sperren die Schnäbel auf und zeigen ihre blauen Zungen. Einer schlägt jetzt weit mit den Flügeln, bevor ein fahles Fiepen aus seiner schneeweißen Brust dringt. Aus anderen Schnäbeln platzt orangenes Schnattern, kupferbraunes Krächzen, ginstergelbes Geckern, tausendfach vom Echo zurückgeworfen.

Sie wetzen eifrig ihre Schnäbel, wetzen die Schnäbel wieder und wieder, recken ihre Hälse und werfen ihre Köpfe hin und her, watscheln und flattern Richtung Höhlenauge, Augenhöhle, wo der Wind heult. Dort, am äußersten Rand, schütteln sie ihr Federkleid noch einmal im Morgenlicht, spreizen ihre Schwingen

fallen hinaus

Lisbeth sieht zu, wie der Seewind sie mit seinen Händen greift und hinaufwirft ins Blau, wo ihr Gefieder aufleuchtet, als hätten Spielzeuge Feuer gefangen.“

Aus: Lisbeth springt

Das gefiederte Jahr

Der Prosatext „Das gefiederte Jahr“ hat seit seiner Entstehung 2019 viele Überarbeitungen erfahren – lange war ich mit keiner Version zufrieden. Zu Beginn des neuen Jahres ist der Text nun zweifach erschienen.  

Zum einen in der Literaturzeitschrift Haller, deren 19. Ausgabe unter dem Titel „Up, up and away: Ich will fliegen!“ stand.

Und, so gut wie zeitgleich, in der 40. Ausgabe der Literaturzeitschrift Konzepte, die den Titel „Der Mensch, das Tier“ trägt.

Der Text beschreibt die qualvolle Verwandlung einer Frau in ein Vogelwesen, der sie sich zunächst mit allen Mitteln zu verweigern versucht.

 „Längs der Arme, elf Tage später, begann das Frösteln sich in Stiften zu manifestieren. Follikel durchdrangen die oberste Schicht, stießen durch Sommersprossen und Hautfalten. In der dritten Woche schoben sich wachsende Schäfte aus den Blutkielen, brachen auf und entfalteten beiderseitige Fahnen, Äste, schimmernde Bogen- und Hakenstrahlen.

Nachts pflückte ich sie mir von der Haut, die neue Existenz, spürte das Ungeduldjucken, ganz so wie zur Kinderzeit im Blutgrund der Milchzähne, auch da half nur störrisches Lockern und Fingerzupfen und ein letzter Ruck. Sah zu, wie roter Saft aus den Wurzellöchern perlte. Flötete mir selbst und dem Mond ein Einschlaflied. Der Boden war mit traurigen Federn bedeckt, weiß und grau und rot wie Blut.“    

Doch zu süß war der Lockruf, die Worte wie Körner in einer offenen Hand. Den Kropf mit seinem Gold zu füllen wurde alsbald mein einziger Hunger. Der König verstreute die Saat, Zeile für Zeile, von Tag zu Tag, von Mond zu Mond.

So dass es zu Kräften kam, das gefiederte Ich, Schwungfeder um Schwungfeder durch den gewetzten Schnabel zog, die Flügel ausbreitete, sie spreizte über dem Horizont. In seinem Blick spiegelten sich Wolken und Dächer, Antennen und Türme.  

Bis es hinausstieß, wohin es gehörte. Als das Licht in seinen Schwingen sang, als es sich in Häuserschluchten stürzte, wie es schließlich am Klippenrand emporschoss und sich über dem Moor fallen ließ, da endlich wurde es fortgetragen von Rauch und Sturm, wohin es wollte.“

„gernweh“ – neolith

Bis Ende Juli 2022 suchte die Redaktion von neolith, der ich seit der Entstehung des letzten Hefts zum Thema „Zuflucht“ angehöre, nach literarischen und künstlerischen Beiträgen zum Thema „gernweh“. neolith, das Magazin für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal, erscheint nun nach Monaten harter Arbeit. Ich selbst durfte darüber hinaus das Coverbild beitragen.

Am 15.Februar werden wir als Redaktion gemeinsam mit Autoren des letzten und des aktuellen Hefts und dem interessierten Publikum das Release von neolith#7 feiern. Das Erscheinungsfest findet ab 19:00 Uhr in den Quartierräumen des Wuppertaler Wilhelm-Dörpfeld-Gymnasiums statt.

Verlust, Verfolgung, Grenzen, Sehnsucht: Veröffentlichungen im Januar 2023

Der Verlag Juno Editions hat in diesem Jahr eine Anthologie in englischer und deutscher Sprache herausgegeben, in der sich literarische Stimmen aus ganz Europa vereinen. „Connected Europe“ ist der Titel der Short Story Collection, in der mein Text „Emma und Eve“ nun zum zweiten Mal erscheint, der 2021 eine Auszeichnung der Akademie für das gesprochene Wort und des deutschen PEN-Zentrums erhalten hatte. In „Emma und Eve“ geht es um die Begegnung zwischen einer jungen und einer sehr viel älteren Frau, die sich während eines Lockdowns über zwei benachbarte Balkone hinweg anfreunden. Es geht um innere und äußere Grenzen, um Sehnsucht in Zeiten der Pandemie, um Vorurteile, um Liebe, um Erinnerungen, um Verluste und um neuen Mut.

Am Morgen fällt mein Blick als Erstes auf den sonnenbeschienenen Fleck neben dem Bett, wo das gebrauchte Kondom liegt, zusammengerollt wie ein zertretenes Weichtier.

Ich stehe auf, schlüpfe in den alten Bademantel und zurre den Gürtel fest, nehme das Ding mit spitzen Fingern hoch und trage es hinaus auf den Balkon, wo ich es in die Restmülltonne fallen lasse. 

Sie sollten vorsichtig sein, sagt eine Stimme ganz in der Nähe.

Ich schnappe nach Luft. Es ist meine Nachbarin. Der Kater sitzt diesmal zu ihren Füßen und schickt mir einen abschätzigen Blick.

Ich kann schon auf mich aufpassen. Aber danke, sage ich.

Meine mit dem Godesberger Literaturpreis ausgezeichnete Short Story „Klauber und die Füchsin“ wurde zuerst 2020 in der britischen Literaturzeitschrift Tigershark veröffentlicht – und seither mehrere Male. Die Erzählung über einen verschrobenen alten Mann, der einer jungen Frau Unterschlupf gewährt, die sich auf der Flucht vor den Schergen eines autoritären Regimes befindet, scheint derzeit verständlicherweise einen Nerv zu treffen. Im vergangenen Monat erschien die Story noch einmal in der Anthologie „Drahtseilakt“ sowie im Almanach „hier war ich, dort bin ich“ in der Reihe „Literaturblätter der Deutschen aus Russland“.        

„Sie wurden beobachtet. Sie haben ihr aufgelauert und sie ins Haus gelockt“, sagt der Ältere.

„Ich habe sie hereingebeten.“

„Warum?“

„Warum? Sie brauchte eine Freistatt. Ganz offensichtlich.“

„Was?“

„Einen Unterschlupf“, sage ich.

„Warum sagen Sie das dann nicht?“

„Freistatt ist das treffendere Wort“, sage ich und fasse ihn fest ins Auge.

Mit Worten machen es die Leute heutzutage wie mit Wölfen. Taucht eines auf, das sie nicht mögen, wird nach ihm geschossen.

foto: © anke laufer, 2022

Fort – von der Notwendigkeit aufzubrechen

Es ist Anfang August 2022. Die Welt dort draußen ächzt unter der nächsten Hitzewelle – einem Zeichen, das inzwischen jeder lesen kann, wie der Ich-Erzähler in meiner Short Story „Der silberne Falter“ wie nebenbei bemerkt. Die Pandemie scheint – zumindest für den Moment – in den Hintergrund unseres Alltags gerückt zu sein und wir freuen uns wieder auf das Reisen, so sehr es auch durch Staus, Lieferengpässe und abgesagte Flüge erschwert wird. Fort, bloß fort zieht es uns. Das Unterwegssein erscheint zugleich als Flucht und Belohnung. Wir werfen einen Blick über die Schulter zurück – und sehen zweieinhalb schwierige Jahre, welche die Welt verändert haben. Auf einmal ist uns bewusst, was wir verlieren könnten – und ziehen Bilanz über das, was wir bereits verloren haben. Die Erkenntnis, der wir uns womöglich verweigern, lautet: Stillstand ist keine Option. Schriftsteller*innen neigen vielleicht dazu, ihre Abenteuer im Kopf stattfinden zu lassen, Drahtseilakte auf die Fiktion zu beschränken – doch Aufbruch und Wagnis sind eine Notwendigkeit im Leben, selbst für Schriftsteller*innen mittleren Alters.

Die zwölf großen Gefühle

Es gibt einiges aufzuholen, was den Inhalt dieser Website angeht. Zum Beispiel wäre zu berichten gewesen, wie die virtuelle Preisverleihung im Literaturhaus Zürich am 4. Februar dieses Jahres verlief – eine logistische Meisterleistung, bei der alle zwölf Preisträger des Wettbewerbs „Die großen Zwölf“ (präsent auf einer riesigen Leinwand, von Zoom-Kacheln lächelnd) ihre Texte lasen und interviewt wurden – während kurioserweise das Publikum selbst live im Literaturhaus dabei sein durfte. Mit den „Großen Zwölf“ waren übrigens nicht die ausgezeichneten Autor*innen gemeint, sondern zwölf große Emotionen, welche die monatliche Themenstellung bestimmten: „Hoffnung“ war das Thema im Januar – dem Monat, in dem mein Text „Das Zeichen“ die Ausschreibung gewann – ein hoffnungsfroher Start ins literarische Jahr also.

Zuflucht

Ein paar Wochen erlebte ich den Aufwand, den die Organisation und die Aufzeichnung eines großen Online-Events bedeuten, dann auch aus der Sicht der Macher*innen mit. Seit der letzten Ausgabe der Literaturzeitschrift neolith (beheimatet an der Bergischen Universität Wuppertal) bin ich – Dank virtueller Meetings – Teil des Redaktionsteams. Am 27.Februar zeichneten wir unsere Online-Releaselesung mit allen an der aktuellen Ausgabe – neolith#6 zum Thema „Zuflucht“ – beteiligten Autor*innen auf, die ihr hier findet: https://www.youtube.com/watch?v=hirCZahD6uY.

Am 7. Mai gab es dann auch nochmal eine Live-Veranstaltung zum Erscheinen von neolith#6, organisiert vom Literaturhaus Wuppertal – bei dem die Macher*innen der Literaturzeitschriften neolith, Karussell und KLiteratur aufeinandertrafen und miteinander über ihre Arbeit ins Gespräch kamen.

Hoffnung. Trauer.

Die Ausgabe von neolith stand dieses Mal im Zeichen des Themas „Zuflucht“. Sie gewann in diesem Frühjahr mit dem russischen Überfall auf die Ukraine an unerwarteter Aktualität. Auch als ich im März mein kleines Gedicht „Paket“ für die Spendenanthologie #Antikriegslyrik des Berliner Trabantenverlags verfasste (nein, ich bin keine Lyrikerin, aber es war für einen guten Zweck) ahnte ich nicht, dass es mir im August noch einmal begegnen würde – nämlich im Rahmen einer Handreichung des Volksbunds Deutsche Kriegsgräberfürsorge für die Gestaltung von Gottesdiensten zu Volkstrauertag.

Das literarische Vermächtnis eines russischen Studenten

Eine besondere Freude war es für mich, den diesjährigen Daniil Pashkoff Prize in der Sparte Prosa (over 19, obviously ;)) zu gewinnen.

In einer anderen Sprache zu schreiben, ist ein Aufbruch und ein Wildern im fremden Territorium. Da kann und muss vieles schiefgehen. Das Spiel mit Übersetzung und Bedeutung öffnet aber auch ungeahnte Möglichkeiten, besonders für die Schreibenden selbst. Die Frage und Ahnung, mit welcher (authentischen) Stimme man in einer anderen Sprache schreiben könnte, ist für Autor*innen wohl eine der spannendsten überhaupt.

Der Daniil Pashkoff Prize for Creative Writing in English by a Non-Native Speaker wird alle zwei Jahre für Texte in englischer Sprache verliehen, die von Nichtmuttersprachler*innen verfasst wurden. Benannt ist der Preis nach Daniil Pashkoff, dem ersten russischen Anglistikstudenten an der TU Braunschweig. Er brachte aus seiner Heimatstadt Novosibirsk eine ansteckende Leidenschaft für die englische Sprache und Literatur mit. Daniil verstarb unerwartet im Juli 1998 im Alter von nur 27 Jahren und hinterließ einen großen Freundeskreis, der um sein einzigartiges Talent trauerte. Aufgrund dessen entstand die Idee, einen Preis für kreatives Schreiben in englischer Sprache unter Nichtmuttersprachler*innen auszuloben.

Die festliche Verleihung der Preise fand in diesem Jahr am 11. Juni im alten Rathaus in Braunschweig statt.

Auf der Insel

Auch bei den sogenannten Bieler Gesprächen, die in diesem Jahr vom 2. bis 3. Juli wieder live und vor Ort im Schweizerischen Literaturinstitut in Biel stattfanden, ging es vor allem um Literatur, Sprache und Übersetzung – in diesem Falle zwischen Italienisch, Französisch und Deutsch. Ich war bei den Bieler Gesprächen mit einem Auszug aus meiner Story „Die Insel“ zu Gast, die in einem Forum von Autor*innen, Sprachwissenschaftler*innen und Übersetzer*innen diskutiert wurde – für mich eine unglaubliche Erfahrung. Einer solchen Runde entgeht keine Schwäche des Textes – während ein Lob aus ihrer Mitte eine köstliche Labsal für die (mehr oder minder) stets zweifelnde Schriftsteller*innenseele darstellt.

Vielleicht entdeckst du sie deshalb, die Insel. Dieses von allem abgeschnittene Territorium, herausgesäbelt aus den Gefilden tief unter dir, inmitten der mehrspurigen Schleifen, der sichelförmigen Zu- und Abfahrten, jenseits eines Bahndamms, diesseits eines Stausees, in südöstlicher Richtung verjüngt zu einer Zunge, die sich unter die Brücke schiebt. Eine Insel, ganz eindeutig: Ausmaße, Morphologie, Baumbestand, Zeit- und Erdschichten, halb versunkene Festungswälle von Großbaustellen, denen kleinere Eingriffe folgten, wieder vernarbten, während sich der Verlauf der Fahrbahnen um neue Grate und Verwerfungen erweiterte. Doch im Zentrum überlebte die Insel, ein Eiland von beachtlicher Größe im Meer der menschengemachten Ödnis – schattig, einsam, üppig. Wild.“

„Die Insel“ erscheint demnächst in englischer Übersetzung im vierteljährlich erscheinenden Journal
Trafika Europe der Penn State University, New York.

Umbruch. Aufbruch.

Für mich ist es eine seltsame Zeit, dieser Sommer 2022. Umbrüche liegen hinter mir – unter anderem zwei Covid-Erkrankungen, die ohne vollen Impfschutz wohl weit weniger glimpflich verlaufen wären. Es ist eine Zeit des Innehaltens, kurz vor dem Aufbruch.

Den größten Teil des Herbstes werde ich für einen Schreib- und Rechercheaufenthalt in den englischen Grafschaften Devon und Somerset nutzen – gesplittet zwischen einem Cottage an der Südküste, einer sogenannten Sheperd Hut im Herzen der Blackdown Hills und dem Artist Retreat Awakenings at Wick.

Arbeiten werde ich am Abschluss eines Projekts mit dem Arbeitstitel „Phantomgrenzen“, einer Art surrealem Roadmovie im Europa der Zukunft, in dem sich Geschichten um unterschiedliche Figuren verzweigen und neu verflechten.

Zudem werden Illustrationen und Texte für ein gemeinsames Projekt mit dem englischen Lyriker Matt Bryden entstehen – ein Aufbruch in die lange vernachlässigten Gefilde von Zeichenstift und Farbe, noch ein Wagnis also – das Risiko einer Blamage inbegriffen.

Doch was gibt es dabei denn wirklich zu verlieren – außer der Hoffnung?

Literatur|Zeit|Schriften – neolith, Karussell und KLiteratur

07.05.2022 – 15:00 Uhr

Literaturzeitschriften sind Kaleidoskope unserer Zeit. Von den Redaktionen sorgsam kuratiert, bieten sie Lesevergnügen und -überraschungen: Eine anregende Gesellschaft von Texten und Autor:innen. Sie kombinieren und komponieren Einzelteile – neue literarische Texte – zu einem größeren Bild, sind ein Spiegel unserer Debatten und Perspektiven, der klarer sehen oder auch Unklarheiten urplötzlich entdecken lässt.

Diese Beschreibung trifft – dem Anspruch nach – alle Literaturzeitschriften, die alten mit großer, langer Tradition und die jungen, neu gegründeten.


Drei aktuelle Literaturzeitschriften präsentieren sich am Samstag, dem 07.05.2022 in einer Veranstaltung des Literaturhauses Wuppertal. Neben Redaktionsmitgliedern sind auch Autor:innen der jeweils neuesten Ausgabe dabei.

neolith – das Magazin für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal mit seiner inzwischen sechsten Ausgabe zum – drängend aktuellen – Thema „Zuflucht“,

KARUSSELL, die Bergische Zeitschrift für Literatur , mit ihrem dreizehnten Heft zum Thema „Unsere Kriege im Frieden“ sowie

die KLiteratur aus Köln, deren siebente Nummer in Kürze unter dem Motto „Fehler“ erscheint.

Als Autor:innen dabei sind Anke Laufer aus Wannweil bei Tübingen für neolith, Dorothea Renckhoff aus Köln für Karussell und Samy Challah ebenfalls aus Köln für die Kliteratur.

Tickets gibt es an der Tageskasse sowie zuzüglich einer Vorverkaufsgebühr von 0,90 € auf Wuppertal-Live.

Ort:codeks City Hub (Friedrich-Ebert-Straße 15, Laurentiusplatz)
Eintritt:6,00 €, ermäßigt 3,00 €

#ANTIKRIEGSLYRIK

Bereits seit den ersten Tagen des russischen Krieges gegen die Ukraine sammelt der junge Berliner Trabantenverlag auf seinem Instagramkanal @antikriegslyrik Gedichte gegen den Krieg. Ich selbst bin dem Verlag als Autorin bereits über den Erzählungsband „Ich verspreche dir einen schönen Sommer“ verbunden, in dem 2021 meine Erzählung „Die Geister von Margate“ erschien.

Der Trabantenverlag, der für sein gesellschaftliches und politisches Engagement ebenso schnell bekannt wurde wie für sein exzellentes literarisches Programm, hat die Sache auch in diesem Fall nicht auf dem bloßen Sammeln von Antikriegsgedichten beruhen lassen. In diesen Tagen geht ein Lyrikband in Druck, welcher Anfang Mai erscheinen wird und eine Auswahl der eingesandten Gedichte enthält, unter anderem auch mein Gedicht „Das Paket“. Das Buch ist bereits HIER vorbestellbar.

Bundesweit dezentral stattfindende Lesungen aus #Antikriegslyrik sollen sich bald zu einem besonderen Antikriegsprojekt ausweiten. Dafür suchen wir, mehrere beteiligte Autor*innen aus Baden-Württemberg, Lesungsorte in Tübingen, Freiburg und weiteren Städten im Ländle. Wir wollen dabei nicht nur unsere Gedichte und die unserer Kolleg*innen zu Gehör bringen, sondern auch möglichst viele Spenden zur Unterstützung der Ukraine sammeln. Wenn Sie sich vorstellen können, in ihrer Buchhandlung/Bibliothek/Café etc. eine solche Lesung zu veranstalten und damit das Projekt zu unterstützen, dann melden Sie sich bitte möglichst schnell bei mir!

Matinee zum Bonner Literaturpreis

Die Redaktion des „Dichtungsring e.V.“ lobte dieses Jahr wieder den „Bonner Literaturpreis“ aus, der mit 1000€ für den ersten Platz dotiert ist. Zudem feiern die Redaktion und die Zeitschrift ihr 40jähriges Jubiläum. Die Einsendungen wurden von den Herausgebern Sigune Schnabel, Werner Pelzer und Susanne Schmincke gesichtet. Die besten Einreichungen davon wertete eine externe Jury anonymisiert aus, um die Preisträger*innen zu finden.

Der erste Preis geht an Monika Littau, ich selbst darf mich, neben Daniel Mylow, über einen zweiten Preis freuen.

Bei der öffentlichen Veranstaltung am Sonntagmorgen, dem 7.11.2021 im Kurfürstlichen Gartenhaus gelten die aktuellen gesetzlichen Bestimmungen zum Schutz vor COVID-19.