Im Juli erschien eine Anthologie erotischer Märchen im Wiener Quest Verlag, einem Imprint der Vienna Academic Press unter dem Titel „Im Fadenkreuz der Archetypen – Märchen, Sex und Gender“. Der sehr akademisch anmutende Titel verweist auf die große Bandbreite und den Anspruch der Sammlung. Wie Therese Bauer, die Herausgeberin der Sammlung, stellt ihrem Vorwort ein Zitat G.K. Chestertons voran:
„Märchen sind mehr als wahr, nicht, weil sie uns sagen, dass es Drachen gibt, sondern weil sie uns sagen, dass Drachen besiegt werden können.“
In meinem Text „Im Weißdorn“ wird eine Frau während der Menopause „weder zur weisen Alten noch zur hässlichen Hexe, sondern sie bleibt lüstern und begehrenswert“, wie Theresa Bauer in ihrem Vorwort weiter schreibt. Wie in dieser Geschichte, die den Auftakt zur Sammlung macht, geht es im gesamten Buch märchenhaft-archetypisch zu und doch wird die Welt auch lustvoll-anarchistisch gegen den Strich gebürstet. Dornröschen wird nicht nur wachgeküsst. Mit dem Erwachen der Frau erwacht die Welt:
Und satt rekelte ich mich, unser Bett ein Pfuhl auf verlassener Lichtung. Ich roch ihn, den Schlamm, die sumpfigen Niederungen, ich roch den Laich und die Sporen. Ich drehte den Kopf und leckte den salzigen Rand von den Knöcheln deiner Hand.
Wie er sie so berührt hatte, da erhob sich die dreizehnte Fee von ihrem Lager und erkannte ihre Macht. Und wie sie sich erhob, da sprang zur selben Zeit die Katze vom Sofa im grünen Salon. Die Fliegen begannen zu surren, das Feuer tobte lodernd im Kamin. Sonnenlicht perlte durch den Baldachin des Weißdorns zum Fenster herein, und die Vögel flogen herbei und ließen sich darin nieder, spreizten ihr Gefieder und sprangen von Ast zu Ast.
In der Dämmerung breiteten sie die Flügel aus und flogen davon.