Kurz darauf bringt der Mann den Seehund ins Haus, der fortan nachts zwischen ihnen liegt. Lisbeth liegt auf dem Rücken und lauscht. Sie hört, wie das Fell des Seehunds über die Haut des Mannes schabt, sie hört, wie ihm der Leib des Seehunds zwischen den Fingern knistert.
Aus: Lisbeth springt
Zum Ausklang des Jahres 2022 erkundete ich mit meiner Kollegin Livia Scholz-Breznay und unseren Studierenden an der dekart, der Design + Kunst Akademie Reutlingen, zum wiederholten Mal die künstlerischen Dimensionen des Dadaismus. Zum Auftakt des Jahres 2023 wandten wir uns gemeinsam dem Surrealismus zu. Wie schon innerhalb des Dadaismus, so erkennt man auch ein surrealistisches Kunstwerk nicht an Stil und Pinselstrich. Man kann ein Pissoir ausstellen und es zum Kunstwerk erklären wie Marcel Duchamp (einfach, weil es einem gefällt!). Man kann eine Tasse mit Pelz überziehen wie Meret Oppenheim, oder eine Menagerie seltsamer und doch vertrauter Geisterwesen erfinden, sie malen und über sie erzählen, wie Leonora Carrington. Sofort wird klar: Sowohl beim Dadaismus wie beim Surrealismus handelt es sich um nicht weniger als eine Revolution, ein sich Aufbäumen gegen Konvention und Autorität, ein Sprengen innerer Fesseln und äußerlicher Grenzen – eine Geisteshaltung also, die sich der Loslösung und der Freiheit verschrieben hat, einer inneren Freiheit der Vorstellungskraft, die weit jenseits von allem liegt, was mit Konsum und Globetrotterromantik zu erkaufen ist.
Inspirationen gewann der Surrealismus vor allem aus der Beschäftigung mit dem Unbewussten, dem Absurden und Fantastischen und den Träumen. Damit findet diese Kunstbewegung zu Bildern, die Unsagbares, Unbeschreibliches zu fassen vermögen, den Subtext, den wir manchmal als einen kalten Schauer im Rücken spüren, das Gespenst einer Möglichkeit, einer Emotion, der wir bisher aus dem Weg gegangen sind und die uns sacht mit einer Fingerspitze berührt.
Jorge Luis Borges, einer der Meister des literarischen Surrealismus, hat das Leben einst als einen Garten der verzweigenden Pfade beschrieben, aber vielleicht meinte er auch nur das Buch, die Literatur, das Geschichtenerzählen. Ein entstehendes Buch als einen Irrgarten zu beschreiben, ist also nicht wirklich etwas Neues, und es bringt noch nicht einmal neue Einsichten in die tägliche Arbeit, die einer beunruhigten und von ganz reellen Sorgen geplagten Schriftstellerin von Nutzen sein könnten. Mit dem Leben ist es ganz genau so: Hinter jeder verpassten Abzweigung liegt eine verworfene Alternative zu dem Leben, das man tatsächlich geführt hat. Glücksgefühle, Katastrophen, Ungewissheit, Erfüllung – Schicht um Schicht.
Die weißen Zehen versinken im sumpfigen Grund, Gräser peitschen Striemen in ihre Haut. Sie stützt sich auf den Spaten und schaut hinab ins goldbraune Wasser.
Flohkrebse schießen, Molche dümpeln. Sie bückt sich nach einem Blinken. Lisbeth reibt den Dreck von Kopf und Zahl und steckt eine Münze in die Schürzentasche. Dann tut sie dasselbe ein zweites, ein drittes, ein viertes, ein fünftes Mal. Der Schlamm ist voll glänzender Sterntaler, die sie blankreiben muss. Ein Auskommen.
Lisbeth bürstet sich vor dem blinden Spiegel die Nässe aus dem Haar.
Aus: Lisbeth springt
Borges war von einer Reihe von Metaphern und Symbolen besessen. Dazu gehören sein Sandbuch, Labyrinthe, Archive und auch Spiegel. Eigenbeobachtung, zersplitternde Spiegelbilder und Identitäten, Selbstbefragung und Verwandlung: all das und vieles mehr steckt in und hinter den Spiegeln.
Seit ziemlich genau einem Jahr entwickle ich tastend, schreibend ein Gespür dafür, welch mächtiges Instrument jenes künstlerisch-subversive Träumen bei der Bewältigung innerer und äußerer Krisen sein kann, während ich – wie es das Schicksal zuweilen will – mit eigenen Dämonen zu kämpfen habe. Nicht von ungefähr entstand der Surrealismus in einer von Krisen und Verwerfungen geschüttelten Epoche, die unserer Zeit in vieler Hinsicht gleicht. Leonora Carrington verarbeitete in Gemälden und Erzählungen ihren psychischen Zusammenbruch nach der Trennung von Max Ernst in der Folge von dessen Verfolgung und zweifacher Verhaftung. Betrachtet man ihr Gemälde Down Below von 1940, in dem sie ihre alptraumhafte Zeit in einer spanischen Nervenheilanstalt in dunkle Visionen fasst, so wird klar: je mehr Freiheit man der Entfaltung innerer Bilder gewährt, je absurder und befremdlicher diese Bilder zunächst erscheinen mögen, desto mehr treffen sie den Kern einer inneren und in vielen Facetten schillernden Wahrheit.
Die Vögel rucken mit den Köpfen, beäugen sie, drei, acht und neun, sperren die Schnäbel auf und zeigen ihre blauen Zungen. Einer schlägt jetzt weit mit den Flügeln, bevor ein fahles Fiepen aus seiner schneeweißen Brust dringt. Aus anderen Schnäbeln platzt orangenes Schnattern, kupferbraunes Krächzen, ginstergelbes Geckern, tausendfach vom Echo zurückgeworfen.
Sie wetzen eifrig ihre Schnäbel, wetzen die Schnäbel wieder und wieder, recken ihre Hälse und werfen ihre Köpfe hin und her, watscheln und flattern Richtung Höhlenauge, Augenhöhle, wo der Wind heult. Dort, am äußersten Rand, schütteln sie ihr Federkleid noch einmal im Morgenlicht, spreizen ihre Schwingen
fallen hinaus
Lisbeth sieht zu, wie der Seewind sie mit seinen Händen greift und hinaufwirft ins Blau, wo ihr Gefieder aufleuchtet, als hätten Spielzeuge Feuer gefangen.“