„Skorpione, indigoblau“ – Radioaufnahme zum Tag der Bücherverbrennung am 10.Mai

Am 10.Mai 2013 jährt sich die nationalsozialistische Bücherverbrennung zum 80sten Mal. In Stuttgart wird es dazu viele Aktionen geben.

Das Freie Radio für Stuttgart wird am 5.5. und am am  10.Mai einen Programmschwerpunkt zum Thema setzen. Dafür sind Autoren aufgerufen worden, Texte für die Sendungen zu lesen – ob aus damals verbrannten Büchern oder eigenen  Texten, die sich mit dem Thema Zensur und verfolgter Literatur beschäftigen. Das Schriftstellerhaus hat im Vorfeld seine Räumlichkeiten für die Aufnahmen zur Verfügung gestellt.

Am Dienstag, dem 19.März habe ich im Schriftstellerhaus eine Erzählung aus „Die Irritation“ aufgenommen, die am 5.5. 2013 um 15.oo Uhr gesendet wird. Sendungsdetails unter: http://www.freies-radio.de/sendungsdetails/201305051500

Das Freie Radio Stuttgart ist auch per Internet als Livestream und über eine App auch mobil auf dem Smartphone zu empfangen. Hier der Link zum Empfang: http://www.freies-radio.de/empfang

„Skorpione, indigoblau“

In der Erzählung geht es um eine Schriftstellerin, die während des Aufenhalts in einem autoritär regierten Land das Werk eines vom Regime verfolgten Autors entdeckt. Ihre Identifkation mit dem inhaftierten Kollegen lässt sie nicht nur selbst ins Fadenkreuz der Behörden geraten, sondern führt sie auf einen Weg, auf dem sich Realität und Fiktion vermischen. Das Surreale bahnt sich unaufhaltsam seinen Weg in den weißen Bungalow, den sie zusammen mit ihrem Mann und ihrem einheimischen Dienstmädchen Dora bewohnt, dem sie ausgerechnet anhand der verbotenen Bücher das Lesen beibringt.

Das war, bevor ich Alvaro Grey entdeckte. Ich wusste damals nur sehr wenig über ihn, hatte nur gerüchteweise gehört, dass er eingesperrt worden war, nachdem er es gewagt hatte, diese eine, unerhörte Erzählung zu schreiben und zu veröffentlichen. Man hat seither alles versucht, den Text verschwinden zu lassen, ihn endgültig auszulöschen, aber er taucht immer wieder auf, kursiert in Form von Dateien, Flugblättern, es gibt sogar Leute, die ihn auswendig lernen und mündlich weitergeben. Was rede ich da, das wissen Sie natürlich. Aber haben Sie ihn gelesen? Nein, das haben Sie sicher nicht. Sie sollten es tun. (…)  Aber es sind nicht die Geschichten, verstehen Sie, das wirklich Einzigartige an Grey sind nicht sie, ist nicht einmal seine Furchtlosigkeit. Es ist diese Stimme. Es ist die Art, wie seine Worte sich auf der Buchseite in Bewegung setzen und sich die Sätze beim neuerlichen Lesen in etwas ganz anderes verwandeln. Wissen Sie, ich habe überall nach seinen Büchern gesucht. Ich habe jedes Antiquariat, jede Auslage der Straßenhändler, jeden Flohmarkt durchkämmt. Ich fand nur wenige Exemplare, aber einige hatte die Zensur bei den Säuberungen wohl übersehen.

(…)  Ich erinnere mich, wie Dora und ich an einem besonders heißen Nachmittag auf dem Bett hockten und sie, immer noch stockend, aus seiner Südpolnovelle vorlas. Alvaro Grey ist Zeit seines Lebens nie mit Kälte, Eis und Schnee in Berührung gekommen. Man hat ihm nie erlaubt, das Land zu verlassen. Also beschrieb er etwas ihm vollkommen Fremdes. Seine Worte waren kühn, kristallin, bis zum Bersten aufgeladen mit Bedeutsamkeit. Doras dunkle, heisere Stimme verband sich an diesem Tag mit Greys Sätzen zu einem eigenartigen, hypnotischen Zweiklang. Als Dora aus dem letzten Kapitel las, in dem der eisige Tod der Männer um Robert F.Scott beschrieben wird, ließ mich eine Bewegung am Rand meines Gesichtsfeldes aufschrecken. Ich blickte über den Bettrand auf den Fußboden hinab. Die Skorpione bildeten einen wogenden Teppich aus blauschimmernden Panzern. Ihre Schwänze zuckten angriffslustig. Sie waren sich nicht einig, weder über Satzstellungen, Einzelheiten, noch den Sinn des grausamen Endes. Sie kamen nicht an uns heran, stachen sich jedoch gegenseitig. Es war ein furchtbares Gemetzel.

Ich weiß noch wie Dora am Ende der Unterrichtsstunde einen Besen holte und die toten Exemplare wegkehrte. Als alles sauber war, streckte sie mir ihre Hand hin, half mir vom Bett herunter und wir gingen in die Küche, um Kaffee zu trinken.“

a.l., Bogotá, August 2011

a.l., Bogotá, August 2011

 

„Das Zwinkern der Venus“ ausgezeichnet

„Das Zwinkern der Venus“ ist eine Erzählung über einen jugendlichen Außenseiter, der sich vor dem Nachrichtensprecher mehr gruselt als vor Lovecrafts „Flüsterer im Dunkeln“. Er wartet  auf ein Zeichen, das er schließlich im „Zwinkern der Venus“ zu erkennen glaubt – dem flackernden Licht des Planeten am winterlichen Himmel. Was dann geschieht, wird nicht verrraten. Nur so viel: Ein Rentner samt Dackel, eine Meerjungfrau und eine Tafel Schokolade im XXL-Format, Sorte Vollnuss, werden daran beteiligt sein, ihm das Leben zu retten.

England ManchesterBeim Literaturwettbewerb der keb zum Thema „Mensch.Werden.Lernen.“ wurde meiner Erzählung jetzt der 2.Preis zugesprochen. Ich bedanke mich bei der Jury und den Veranstaltern. Die Preisverleihung samt Lesung fand am 19.April 2013 um 17.00 Uhr im Kolpinghaus in Stuttgart, Heusteigstraße 66, statt. Erster Preisträger war mein Kollege Walle Sayer (Mitte), dritte Preisträgerin war Anja Munding aus Köln (zweite von links). Weiterhin zu sehen: Dr. Michael Krämer, Literaturwissenschaftler, Leiter der keb und Initiator des Preises (links) und Gabriele Pennekamp, Vorsitzende der keb (rechts).   Preisverleihung 3. keb Literaturwettbewerb

Claudia Salden vom Schwäbischen Tagblatt schrieb dazu am 25.4.2013: „Anke Laufer war bereits 2011 unter die zehn Finalisten gekommen. `Wenn man ehrlich ist, schaut man bei so einem Wettbewerb immer auch, ob man etwas Passendes in der Schublade hat´, sagte die Schriftstellerin, der die keb-Jury eine `ethnologische Sensibilität für die Jugend´bescheinigt hat. Für die studierte Ethnologin steht eine andere Komponente ihrer Arbeit im Vordergrund: `Ich fabuliere einfach gern und schlüpfe dabei in unterschiedliche Rollen. ´“

Die prämierten Texte sowie eine weitere Auswahl erscheinen demnächst im Rahmen der Stuttgarter Hefte.

Neues über die LiteRatten

Eine ausführliche Reportage von Ulla Steuernagel über die Vorgehensweise der Textarbeit bei den P1030474LiteRatten, einer Tübinger/Reutlinger Autorengruppe, der ich seit 2006 als eines der Gründungsmitglieder angehöre, findet sich im Schwäbischen Tagblatt vom 6.März 2012 unter dem Titel:

„Die LiteRatten pflegen den kritischen Umgang“  Hier  findet sich der Artikel, der gegen eine kleine Gebühr von 0,15 Euro abgerufen werden kann.

Herumlungernde Metaphern

Da sitze ich heute früh und bin blockiert. Nein, nicht weil ich keine Lust zum Schreiben habe oder prokrastiniere. Ich suche nach dem passenden Bild. Eines wie das von Henry Green, der die Augen eines hübschen Dienstmädchens glühend nennt wie „in kaltes Wasser getauchte Pflaumen“ oder das der New Yorker Müllmänner, die die Maden in den vollen Tonnen „Disko-Reis“ nennen.

Manchmal fällt sie dir sofort ein, die richtige Metapher, manchmal lässt sie sich durch nichts hervorlocken. Man bleibt als Schreibender auf einer unzulänglichen Formulierung sitzen. Möglicherweise fällt sie dann einem Kollegen ein, oder dem Lektor, vielleicht taucht sie aber auch dann erst auf, wenn der Text längst veröffentlicht ist.

Eine gute Metapher fällt niemandem in den Schoß, aber was wären unsere Texte ohne treffende Bilder, die alles, was in diesem einen Erzählmoment geschieht, konzentrieren und so deutlich machen, dass es der Leser sie mit Händen greifen kann? Lyriker verwenden häufig sehr viel mehr Zeit darauf, nach solchen Bildern zu suchen, was sicher mit ein Grund dafür ist, dass sie Lyriker sind und ihre Texte so dicht und knapp, aber auch so kurz.

Für einen Prosaautor, das ist eine schlichte Tatsache, ist es aber eine ebenso dringliche Aufgabe, voran zu kommen, denn schließlich hat er möglicherweise noch hunderte von Seiten vor sich. Da kann es schon sein, dass er sich vorerst mit dem „fast richtigen“ Bild zufrieden gibt und sich vornimmt, die Sache im zweiten, oder spätestens dritten Durchgang zu bereinigen. Es sei ihm verziehen, vorerst, denn nebenbei muss er sich auch noch darum kümmern, was seine Figuren da treiben und ob am Ende wirklich etwas erzählt wird, was den Gesetzen der Logik gehorcht (wenigstens auf den ersten Blick, auch hier gäbe es einiges zu sagen!)

Was ist also eine gute Metapher?

Manchmal leuchtet sie aus dem Text heraus, wertet ihn auf. Scheinbar. Zugegeben, sie sieht verdammt gut aus, wirkt intelligent und kompetent, aber sie kann es leider nicht lassen, damit anzugeben. Sie steht auf der Bühne und schreit: „Hey, sehr mal alle her, bin ich nicht ein genialer Einfall?“

Das ist es nicht, wonach ich suche. Eine gute Metapher ist nicht laut,  im Gegenteil, die trägt Tarnfarben und robbt sich durch das Unterholz des Textes. Sie ist unauffällig, weil sie so gut zum Rest des Textes passt, sich so nahtlos einfügt, dass sie kaum auffällt. Eine guter Stil ist unprätentiös,  er arbeitet mit dem Schauplatz und den Figuren, um die es eigentlich geht und schmiegt sich diesen an. James Wood hat es in seinem sehr empfehlenswerten Buch „Die Kunst des Erzählens“  auf den Punkt gebracht: Ein guter Stilist bringt es fertig, nicht über den Kopf seiner Figuren hinweg zu schreiben. Er sagt, eine Metapher sei gelungen, wenn die Spannung zwischen dem Autor und seiner Figur dadurch gelöst werde, dass sie im poetischen Sinne gelingt, das heißt, wenn sie zu den Charakteren und deren Lebenswelt passt, also von den Betreffenden selbst hätte gebildet werden können.

Die Metapher ist dabei ja aber nicht immer ausdrücklich an die Figur geknüpft (wie es zum Beispiel im Dialog oder bei einem Ich-Erzähler der Fall ist). Man könnte also behaupten: Die Sprache und Vorstellungswelt des Autors ist eben einfach eine andere als die seiner aktuellen Figuren, warum nicht? Vielleicht. Allerdings: Jeder, der schon einmal ein Buch gelesen hat, in dem beides weit auseinander klafft, weiß, dass das zwar funktionieren kann (vor allem, wenn der Autor damit sehr bewusst umgeht), aber es selten tut. Auch wenn ein Text in der dritten Person erzählt ist, und eine Metapher also ganz ausdrücklich zum „stilbedachten, metaphernbildenden Autor“ gehört, ist es ideal, wenn „die Metapher um die Figur herumlungert“, wie Wood es formuliert, d.h. wenn sie aus deren Welt hervorgegangen zu sein scheint.

Damit kommt der Leser eben dem, was da passiert und der Denkweise und Lebenswelt der Figuren auf ganz natürliche Art und Weise so nah wie nur irgend möglich.

So weit, so gut. Ich weiß also eigentlich, nach was ich suche und auch ungefähr, wie es zu klingen hat. Vielleicht fällt mir ja nach noch einem Kaffee zumindest eine Notlösung ein, das wäre schon was. Spätestens bei der dritten Überarbeitung werde ich über die Stelle stolpern und mit einen blutigen Zeh dabei holen, weil ich schon vergessen hatte, dass dieser harte Brocken da liegt. Aber das kennen wir ja schon.

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Vorankündigung: Die Letzte macht das Licht aus

Die Letzte macht das Licht aus

Erscheint demnächst im Via Terra Verlag!

14,00 € (D) / 14,40 € (A)

ISBN: 9 783941 970052

Mord im Altenheim?
Intrigen im Seniorenbeirat?
Tödliche Eifersuchtsszenen bei den Silver
Surfers? – Aber klar!
Mord und Totschlag haben schließlich keine
Altersbegrenzung, sondern kommen umso
raffinierter daher, je später sie geschehen.
„Unsere Alten“ entwickeln die ausgefallensten
Ideen, um ihre Träume zu verwirklichen. Sie
zeigen viel kriminelle Energie, wenn es darum
geht, das Glück der späten Jahre zu erkämpfen.
Skrupellos beseitigen sie den einen oder
anderen Ehegatten oder Erbschleicher, der
ihnen im Weg steht.
Hier ist nun die ultimative Sammlung von
kriminellen, unerhörten, humorvollen
und auch tragischen Geschichten rund
ums Älterwerden.

Darin enthalten meine Story „Strandköniginnen“ um ein in die Jahre gekommenes Hotel und ein greises Zwillingspaar. Zwei Schwestern hüten ein Geheimnis, das sie am Ende alles kostet, was von ihrem Leben noch übrig ist…

Weiteres bald auf der Homepage des Via Terra Verlags unter: http://www.viaterra-verlag.de/

Die LiteRatten auf den Kulturseiten

Eine echte Premiere: Zum Jahresanfang erschien ein Artikel über die LiteRatten im Reutlinger Generalanzeiger.  Die LiteRatten sind eine Autorengruppe mit derzeit neun aktiven Mitgliedern, die rund um Tübingen und Reutlingen wohnen. Der Gruppe gehöre ich seit ihrer Gründung 2006 an. Seither ist viel passiert und ich könnte viel darüber erzählen, was ich in diesen Jahren nicht nur über das Schreiben, sondern auch über die Bedeutung von Freundschaft und ehrlicher Kritik gelernt habe. Stattdessen lasse ich lieber den GEA und Raphaela Weber zu Wort kommen, die das alles folgendermaßen auf den Punkt bringt:

„Gegenseitige harte und schonungslose Textkritik bei regelmäßigen Treffen und Textaustausch per E-Mail, dabei immer ehrlich und konstruktiv und mit wechselseitigem Vertrauen: Dieser selbst auferlegte Verzicht auf Streicheleinheiten im Namen der Freundschaft wirkt sich positiv aus, wie einer der jüngsten Erfolge der LiteRatten zeigt“, schreibt Raphaela Weber in ihrem Artikel. Welchen Erfolg sie damit meint und wie sich die „Ratten“ selbst sehen, lässt sich in ihrem Artikel nachlesen: http://www.gea.de/nachrichten/kultur/gestatten+die+literatten.2962374.htm

a.l., 2012
a.l., 2012
a.l., 2012
a.l., 2012

Platz drei der Bestenliste für „Die Irritation“

Das Wiener Büchermagazin Eselsohren hat seine Bestenliste aus 2012 zusammengestellt. „Die Irritation“ ist dabei auf Platz drei gelandet – mitten zwischen Büchern der großen Publikumsverlage und den Namen großer internationaler Kollegen. Die Autorin und der Verlag freuen sich sehr über die Auszeichnung und auch darüber, dass es bei Eselsohren Rezensenten gibt, die auch Büchern aus kleinen und unabhängigen Verlagen ihre Aufmerksamkeit widmen.

Zur Bestenliste geht es hier

foto: Elodie Cruz

Unschärfe (aus einem aktuellen Manuskript)

Nur manchmal hatte er es nötig, den Leuten Angst zu machen. Angst ist das letzte Mittel. Eine schlechte Wahl. Sie treibt die Leute in die Ecken und macht sie unberechenbar. Also jagte er ihnen Angst ein, ohne ihnen zu drohen. Mit mir tat er das nur ein einziges Mal. Ich wusste es zu schätzen, ja, wirklich, ich schätzte seinen glasklaren Verstand.

„Du weißt, dass du nicht zu den Guten gehörst. Du hast dich dafür entschieden, vor langer Zeit. Aber du könntest eins tun: Die Versuchungen meiden. Du könntest die Auswirkungen mildern.“ Er sah mich nachdenklich an. „Oder dich wegsperren lassen, für immer.“

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