Im Mai erschien die sehnlichst erwartete neue Ausgabe des „Dichtungsring“, nunmehr sage und schreibe das 65.Heft im 44.Jahr. Der Dichtungsring glänzt nicht nur mit guten Texten, sondern auch mit einer schönen Gestaltung. Ich freue mich sehr, in dieser Ausgabe zum Thema Meer wieder als Autorin dabeisein zu können.
Der Ansturm des Ozeans, die Strandhütten, die wie verwitterte Vogelkästen in den Fußhügeln der Klippen hängen, das Brausen des Windes und über uns der verschwenderische Himmel, in dem die Seevögel jauchzen. Weil er sich nicht entscheiden kann, setzt der Tag auf Spektakel, prahlt abwechselnd mit dunklem Wolkengestrudel und trunkener Helligkeit, der Großkotz, und die See schlägt sich auf die Schenkel und beschließt, den Wetteinsatz zu erhöhen, bringt die Klippen zum Wanken in sprühendem Licht, fährt mit schaumigem Maul und silbernen Tentakeln durch all die Murmeln in der Bucht, spielt das uralte Spiel: Grollendes Aufwärtsschieben, Aneinanderklackern, zischender Sog, und ihr rennt Hand in Hand mitten hinein, in die weit geöffneten Fangarme der tobsüchtigen Brandung. Mit dem Kind an der Hand beschwörst du die heranrollenden Brecher, tanzt mit ihm um die Schaumzungen, die an deinen abgelaufenen Schuhen lecken, fünf vor, sieben zurück, the best things in life are free, beim achten Schritt rückwärts ist er da, mein Stein, robbengrau und schädelgroß knirscht er sich unter deinem Gewicht noch ein wenig tiefer in den Kies, und da liegt er mit dunkelgläsernem Auge, aus dem das salzige Wasser rinnt, als wären es Tränen.“