„The newest normal“ in neolith #5

Meine Story „The newest normal“ erscheint demnächst in neolith, der Jahresschrift für neue Literatur an der Bergischen Universität Wuppertal. Aufruf: Beiträge für neolith #5

Der dreizehnjährige Bo durchstreift das unterirdische Labyrinth menschlicher Behausungen der Zukunft, immer auf der Suche nach Verwertbarem. Er stößt auf einen uralten Kassettenrekorder, den er mit Hilfe seiner greisen Nachbarin Vera zum Laufen bringt. Während die beiden die im Gerät verbliebene Kassette abspielen öffnen sich in der Geschichte eine zweite und dritte Zeitebene: Auf der Bandaufnahme mischen sich die Sprachnachrichten einer jungen Frau an ihren verschollenen Geliebten Ben und die Wiedergabe einer weitaus älteren Audiodatei, auf der die flammende Rede eines Endzeitpropheten zu hören ist.

Vera öffnet die Augen und drückt auf die Pausentaste. Bo kann sehen, dass ihr das zu schaffen macht. Ihm auch.

„Dieser Ben – “

Sie nickt. „Der war wohl drüben auf den Inseln.“

„Sollen wir echt weiter zuhören?“, fragt er. Sie nickt, betätigt die Taste und starrt auf den Rekorder.

„Erinnerst du dich an diesen Endzeittypen auf dem Pier? Wie der herumzappelte und die Faust in den Himmel stieß? Die Leute grinsten und manche tippten sich an die Stirn. Aber du nicht, Ben, du hast ihm zugehört.“

Die Krähe macht jetzt wieder Lärm und das Mädchen wartet, bis der Vogel sich beruhigt.

„Ich hab in der ganzen Zeit immer wieder an ihn denken müssen. Und daran, was du damals gesagt hast. Dass man Warnungen ernst nehmen soll, auch wenn sie einem verrückt vorkommen. Dass das wichtig sei, was der Kerl sagt, womöglich, und dass wir das aufzeichnen sollten. Jedenfalls: Hier ist er, ich hab die Audiodatei gefunden, ich spiel sie dir vor.“  Ein Knacken. Sturmrauschen, mittendrin Gebrüll –

„…da wird der vierte Engel seine Schale über die Sonne ausgießen…“  Die Krähe übertönt die Aufnahme einen Moment lang mit ihrem Gekrächze. „…und die Menschen werden versengt von der großen Hitze…“  Man hört jetzt, wie der Mann eine Menge Rotz die Nase hochzieht und das Ganze ausspuckt.

Vera verzieht das Gesicht.

Auf einmal vermischt sich alles und sie sind alle zur gleichen Zeit in Veras Abteil: Das Mädchen und ihr Freund Ben, der Verrückte, die Krähe, Vera und er selbst.“

 

Das Thema der Ausschreibung 2020 lautete „Fortschritt“.  Eingeladen wurde zur Auseinandersetzung mit Zukunftsentwürfen – eine Hommage an Friedrich Engels, dessen 200. Geburtstag Wuppertal in diesem Jahr feiert.