Einige unerhörte und unerwartete Veröffentlichungen
Manche Jahre sind besonders. Voller spezieller Erfahrungen. Der ganz neuen – grauenhaften wie wundersamen Art. Der steilen Höhen und Tiefen. Ebenso grell wie finster, schwindelerregend, kräftezehrend. Raus aus der Komfortzone, hinein ins Unbekannte. Wir hatten nun alle ein paar solcher Jahre. Wie viele hatte ich gehofft, 2023 würde ein etwas gewöhnlicheres Jahr werden, etwas langweilig, dafür aber auch etwas entspannter. Pustekuchen.
Das Gute daran ist: Auch in Sachen Veröffentlichungen haben sich Überraschungen ergeben. Was Pataphysik ist, ja, auch darauf komme ich noch, versprochen.
Die Hoffnung auf die Veröffentlichung meiner beiden Short Stories im an der Pennsylvania State University herausgegebenen Trafika Europe Literaturmagazin hatte ich trotz unterschriebenem Vertrag beinahe schon aufgegeben. Meine Freundin und Literaturübersetzerin Ruth Martin hatte die Texte dort eingereicht, wohin ich mich nie vorgewagt hätte, denn nach eigenem Bekunden veröffentlicht das vierteljährlich erscheinende Onlinemagazin nur „die beste Literatur Europas“ in englischer Übersetzung. Meine Vorfreude auf das Erscheinen von „The Island“ (als Erstveröffentlichung) und „The silver moth“ war daher groß. Doch dann geschah lange nichts. Erst ein Jahr später, im August 2023, erfuhr die Öffentlichkeit den Grund für den Stillstand. Auf der Seite von Trafika Europe wurde der Tod Andrew Singers, des Gründers und der Seele des Projekts, nach schwerer Krankheit bekannt gegeben. Erst im Spätsommer erschien dann eine Doppelausgabe des Magazins, das HIER zu durchblättern und zu lesen ist (und die meine beiden Texte dann doch noch enthält.)
Perhaps that’s why you spot it: the island. This territory cut off from everything, hacked out of the scenery far below you, in the midst of the multi-laned ribbons, the sickle-shaped slip roads. It lies on the other side of a railway embankment, this side of a reservoir, to the south-east, tapered into a tongue that pokes itself under the bridge. An island, quite clearly: size, morphology, tree population, layers of time and earth, half-sunken fortress walls of major building sites, with smaller, later interventions, scarred over again, while the roads extend around it in new ridges and faults. But at the centre, the island survives, an isle of considerable proportions in a sea of man-made, barren wastes – shady, lonely, sumptuous. Wild.
Aus: The Island
Meine Story „Nicht-Sommer“, die ich zur Ausschreibung „Scooter“ des österreichischen Literaturmagazins DUM (Das ultimative Magazin) eingereicht hatte, hielt ich ebenfalls für vergessen, bis mir das Magazin vor ein paar Tagen ins Haus flatterte und ich sie darin abgedruckt fand.
Paul fährt nicht den direkten, er fährt den gewundenen Weg. Hinter ihm läuft Bodo. Keiner fragt Bodo, ob er an der Leine laufen will, schon gar nicht hinter dem Roller.
Bodo rennt und hechelt. Sein Schädel ist schwer, aber er ist ein Nicht-Kampfhund.
Keiner fragt, was Bodo am meisten vermisst.
Der Weg ist lang und mit weißem Schotter bestreut, der unter den Pfoten knirscht wie zermahlende Knochen.
Manchmal bremst Paul und steigt ab. Er steht und horcht mit schräg gelegtem Kopf
auf die Insektenchöre in den Wiesen. Er sieht zu, wie die Blütenstände sich im Wind bewegen. Schafgarbe. Kuckuckslichtnelke. Klappertopf.
Bis Bodo zu bellen beginnt.
Dann sitzt Paul wieder auf, und der Roller rollt weiter. Die Fahrgeräusche übertönen den Gesang der Insekten.“
Aus: Nicht-Sommer
(P.S. DUM enthält auch eine Porträtaufnahme von mir, die viel zu alt ist und ich daher viel zu jung aussehe, wenig überraschend. Ich hatte vergessen, dass DUM keine Zusagen verschickt und daher auch keine Updates in Sachen Autorenfotos und Kurzbiografien erhält.)
Und ja – was ist denn nun eigentlich ´Pataphysik? Vor 75 Jahren entstand mit dem Collège de ’Pataphysique in Paris ein Zuhause der Bewegung. Vielleicht sollte das Alfred Jarry, der Begründer der Pataphysik, das Ganze erklären: „La ´Pataphysique est la science des solutions imaginaires qui accorde symboliquement aux linéaments les propiétés des objets décrits par leur virtualité.“ („Die ´Pataphysik ist die Wissenschaft der imaginären Lösungen, welche die Denkskizzen symbolisch mit den Eigenheiten von Objekten, beschrieben durch ihre Möglichkeit, in Zusammenklang bringt.“)
Ist Ihnen jetzt alles klar? Nein? Ehrlich gesagt, mir auch nicht. Alles, was ich von ´Pataphysik weiß, ist eher eine Ahnung. Kein Wunder.

Irritation und Wunder sind hier sozusagen Programm. Dabei ist ´Pataphysik durchaus eine Wissenschaft – und das genaue Gegenteil davon. Es ist die absolute Herrschaft und Anarchie – der Fantasie nämlich. ´Pataphysik ist todernst und zum Totlachen. ´Pataphysik ist reine Absurdität. ´Pataphysik ist älter als Dada und Surrealismus und doch wäre beides nicht ohne Jarry und seinen König Ubu denkbar – Das 1896 uraufgeführte Drama wurde vom Surrealismus und Dadaismus gefeiert. Jarry, der sich im späteren Leben immer mehr mit seiner Figur identifizierte, signierte am Ende sogar mit Ubu.
Als ich meinen Texte „Notate zur versuchten Ausrottung der Sommersprossen“ bei der diesjährigen Ausschreibung der Zeitschrift der Wiener Schule für Dichtung einreichte, war ich nicht sicher, ob das, was ich da getan hatte, denn wirklich als ´Pataphysik zu bezeichnen ist. Doch ich hatte im Verlauf dieses speziellen Jahres in nicht ganz wissenschaftlich haltbaren Selbstversuchen erfahren, dass Surreales, Dadaistisches und nun auch ´Pataphysikalisches allen Nahrungsergänzungsmitteln und jeder Ratgeberliteratur überlegen sind. Und überhaupt, wie heißt es so treffend im Vorwort von Fritz Ostermayer?
„…und per definitionem seien zudem diejenigen die wahren pataphysiker:innen, die sich ihrer pataphysischen natur gar nicht bewusst wären.“
Na also.
Verschiedene Sprossenarten legen ein untereinander vollkommen abweichendes Verhalten an den Tag. Manche kehren beispielsweise mit dem Einsetzen der Dunkelheit immer wieder in dieselben sicheren Verstecke zurück. Bevorzugt werden die Ohrmuscheln, Schlüsselbeinmulden und das Gestrüpp der Schamhaare. Unterschiedlich ist auch ihr Verhalten im Winter. Manche Sprossen bleiben ihrem Wirtsorganismus treu, ihre Farbe verlöscht jedoch zu einer gespenstischen, fahlen Präsenz. Andere Sommersprossenarten verbringen den Winter im Keller.
Die gemeine Keller-Sprosse gilt als ausgestorben, weil es weltweit nur noch wenige ausreichend kühle und feuchte Keller gibt. Sie schwärmte einst in milden Winternächten aus den Lichtschächten und ernährte sich auf regennassen Straßen von zertretenen Regenwürmen und Hundekot. Dieses Verhalten hat ihren Verfolgern bekanntlich als Argument bei zahlreichen Vernichtungsfeldzügen gedient.
Viele Lebewesen, welche die Menschheit nach und nach nahezu vollständig ausgelöscht hat, führten einst ein geheimnisvolles und faszinierendes Leben, so auch die Sprossen.
Das Echo ihrer verklungenen Stimmen entsteigt der geplünderten Leere unseres Planeten.
Aus: Notate zur versuchten Ausrottung der Sommersprossen
